Der Pastor war aufgestanden und wischte mit seinem Taschentuch den Hauch von dem Fenster, um hinaussehen zu können; bei dem augenblicklichen Schweigen hörten sie, wie der Regen polternd gegen die Scheiben klapperte, und draußen auf dem gepflasterten Hofe laut und klatschend aufschlug. Der Verwalter, welcher während der ganzen Unterbrechung – die übrigens nicht so lange gedauert als ich hier gebraucht sie zu beschreiben – seine Stellung kaum so weit verändert, daß er bei dem ersten Ruf den Kopf etwas erhob, jetzt aber wieder eben so still und in seinen Gedanken verloren in dieselbe Ecke starrte als vorhin, fuhr augenscheinlich mehr mit sich selbst sprechend, wie zu den Andern gewandt, mit leiserer Stimme als vorher also fort:

»Fünf Schritt mochte ich noch davon entfernt sein, als ich erst in diesem hellen Bandelier weiter nichts wie – einen einfachen Streifen weißen Sandes erkannte, der sich hier, von dunkler Erde und hohem Grase umgeben, vielleicht zwei Schritt lang auf dem Boden herzog. Aber – ich berührte ihn mit dem Fuße – die Stelle war erhöht, selbst das immer mehr schwindende Licht warf noch seinen letzten düstern Schein über den kleinen flachen Hügel. – Es war ein Grab und hier unten – wie mit einem elektrischen Schlage durchzuckte es meinen ganzen Körper – viele Minuten stand ich, meiner selbst kaum mächtig, auf der einsamen Stelle. – Plötzlich – ich konnte mir im Anfang nicht einmal Rechenschaft darüber geben – raffte ich mich empor und floh, so schnell mich meine Füße trugen, zu meinem Freund, dem Förster zurück.«

»Der Ring, der Ring – das war der einzige Gedanke, den ich mit Bewußtsein festhalten konnte – der Ring des todten Soldaten, und bleich und athemlos erreichte ich bald darauf sein Haus wieder. Er erschrak, als er mich in diesem Zustande sah, – er wollte –«

Der Verwalter schwieg plötzlich, stand auf, ging zum Fenster und trat von diesem wieder zum Tisch zurück.

»Und der Ring?« frugen der Pastor und Schulmeister gespannt.

»Weshalb soll ich Sie noch länger mit der genauern Mittheilung quälen,« erwiederte der Verwalter mit augenscheinlich erzwungener Ruhe – »der Ring war wirklich der meines Bruders – und jenes Grab sein Grab. Was jene Erscheinung betrifft, so weiß nur Gott, ob sie ein Spiel meiner Phantasie gewesen; doch einerlei, Sie werden begreifen daß ich seit jener Zeit alle Ursache hatte, wenigstens an Ahnungen zu glauben, wenn ich das überhaupt mit diesem Namen belegen darf. – Aber es wird spät, Herr Pastor – Sie wollen wohl auch zu Bette gehen – es ist lange Schlafenszeit, und ich habe noch eine kleine Strecke zu marschiren.«

»Sie können doch wahrlich bei dem Wetter nicht fort? sagte der Pastor rasch, – es pfeift und heult ja noch draußen um die Kirche herum, als wenn es das alte Gebäude mit der Wurzel aus dem Erdboden zu reißen gedächte – bleiben Sie die Nacht bei uns, das Fremdenstübchen steht bereit, und Sie wissen, es macht auch nicht die mindesten Umstände.«

»Danke – danke herzlich, sagte der Verwalter und verbeugte sich leise, – es geht aber doch nicht; erstlich ist es kaum einen Büchsenschuß weit bis an's Gut und dann muß ich auch morgen früh schon wieder bei der Hand sein, und möchte überdies nicht gern gerade in solcher Nacht das Gut ohne Aufsicht lassen – es ist besser ich bin bei der Hand wenn etwas vorfällt. Gehen Sie mit, Schulmeister?«

»Nicht Ihren Weg, ich gehe durch's Hinterpförtchen und habe dann nur einen Sprung bis in mein Haus.«

Der Verwalter knöpfte sich seine grüne Pekesche bis oben hinan zu, klappte den Kragen auf, band sich noch zur Vorsicht sein Taschentuch über diesen um den Hals, griff nach Mütze und Hacke, schüttelte Allen herzlich die Hand und verließ, ohne zu gestatten, daß ihm Jemand hinunter leuchte, rasch das Zimmer.