Die drei Leute blieben, als sein Schritt schon lange auf der Treppe verklungen war, noch wohl mehrere Minuten beisammen stehen, und es sah fast so aus, als ob Keiner gern das Schweigen zuerst brechen wollte. Endlich sagte des Pastors Frau mit einem recht aus tiefster Brust heraufgeholten Seufzer:

»Ich wollte, der Verwalter hätte die häßliche Geschichte nicht erzählt – ich weiß nicht – mir wurde so unheimlich dabei – und er blieb auch so still und ernsthaft, als ob das Alles wirklich geschehen, und der Geist seines Bruders ihm leibhaft erschienen wäre – so deutlich und sichtbar steht doch die Geisterwelt auf keinem Fall mit der unsern in Verbindung, und man sollte daher auch so etwas nicht so lebendig und ernsthaft den Leuten ausmalen.«

»Auch das läßt sich vielleicht natürlich erklären,« sagte der Pastor, mehr wie es schien seiner Frau zur Beruhigung, als weil er selbst wohl das wirklich glaubte was er jetzt sagte, – »die Erzählung jenes Försters hatte ihn sehr wahrscheinlich aufgeregt, und er dachte an den Bruder – dachte wohl gar, wenn der jener fremde Mann gewesen, dessen Grab da so ganz in der Nähe sein sollte. Dämmerung war es ebenfalls, die dunkeln Abendschatten geben oft einem Strauch, einem Rain, ja einem vor uns hineinlaufenden Wagengleis die wunderlichste Gestalt – läßt es sich da nicht denken daß er, besonders noch von dem weißen schimmernden Sand angelockt, zufällig den kleinen Hügel fand und später die Bestätigung dessen erhielt was er geahnt? –«

»Geahnt – und da wären wir wieder auf dem alten Punkt« – fiel hier kopfschüttelnd der Schulmeister ein; »die Ahnung kommt zuerst, macht uns unbehaglich, und die Imagination muß nachher dem Ganzen die Krone aufsetzen; 's ist ein wunderliches Ding um den menschlichen Geist, aus heiler Haut, mit all seiner gerühmten Festigkeit und Consequenz läßt er sich herauslügen und außer Fassung bringen, und das ganze Nervensystem erbebt nachher, wenn draußen nur etwa ein Besen in der Ecke umfällt, oder die Katze von einem Stuhl herunter springt – ganze Bücher ließen sich schreiben über den Unsinn.«

»Unsinn, Schulmeister? – wiederholte die Frau und sah ihn verwundert an. Sie sagten doch selbst erst daß Sie an Ahnungen glaubten. Doch, wie dem auch sei, ich halte es für Unrecht, und noch dazu in solch wilder Nacht, die Einbildungskraft förmlich muthwillig aufzuregen – ich glaube ich könnte mich jetzt vor meinem eignen Schatten fürchten, und mag mich gar nicht einmal danach umsehen – Frauen sind doch recht ängstliche, nervenschwache Wesen.«

»Ach, nicht Frauen allein,« meinte der Schulmeister lächelnd, während er ebenfalls nach seinem Käpsel griff und den, schon vor Anfang des Regens zur Vorsorge mitgenommenen dicken, rothbaumwollenen Regenschirm aus der Ecke holte, »Zeit und Umstände müssen das ihrige dazu beitragen und der stärkste Mann ist vor demselben Gefühl – und dann noch dazu in weit erhöhtem Maße – nicht sicher.«

»Wenn er überhaupt ängstlichen Gemüths ist,« sagte der Pastor.

»Aengstlichen Gemüths oder nicht – seine schwache Stelle, seine Achillesferse hat ein Jeder, und wird die getroffen, so greift es nachher gerade den stärksten Mann auch am stärksten und gewaltigsten an. Sie kennen doch gewiß die Geschichte mit dem Spiegel –«

Die beiden Gatten verneinten es.

»Hm, sagte der Schulmeister, denn weiß ich auch nicht, ob ich's heute Abend nicht lieber lasse – Sie sind gerade erregt genug –«