»Ach, heraus damit – in solcher Stimmung ist man am empfänglichsten dafür, und schlimmer kann's bei meiner Alten doch nicht werden,« meinte der Pastor.

»Ach Gott ja – erzählen Sie nur,« bestätigte dies mit einem tiefen Seufzer die Frau, – »es kommt jetzt auf das eine mehr oder weniger nicht mehr an – ich fürchte mich doch heute Abend – Sie sprachen von einem Spiegel.«

»Nun, ich meine das Hineinsehen in einen Spiegel, Abends, wenn man ganz allein ist,« begann der Schulmeister und stützte sich auf die Lehne des ihm nächsten Stuhles. »Es wird nämlich, wie Sie gewiß auch schon gehört haben, behauptet, man könne oder dürfe vielmehr in stiller Nacht und in einem einsamen Zimmer nicht mit einem Licht in jeder Hand langsam und dicht vor den Spiegel treten, dort dreimal mit lauter Stimme seinen eignen Namen rufen und dann laut und schallend auflachen. Thäte man das und riefe sich besonders nachher noch einmal, so passire irgend etwas Entsetzliches, ich glaube die eigene Gestalt soll mit schauerlich verzerrtem Gesicht aus dem Spiegel heraussteigen.«

Die Frau warf einen scheuen Blick nach dem Spiegel und strich sich rasch mit der Hand über die eigne Stirn.

»Die Geschichte nun, die mir darüber erzählt wurde,« fuhr der Schulmeister fort, »ist sehr kurz, und betrifft einen Husarenlieutenant, also doch allem Vermuthen nach einen kräftigen, keineswegs nervenschwachen Menschen. Die jungen Leute waren in einer fröhlichen Gesellschaft von Herren und Damen gewesen und dort, eben so wie wir heute, auf Geister- und Gespenstergeschichten gekommen. Ein Wort gab das andere, und allerlei tolle Vorschläge wurden endlich, wahrscheinlich mehr um die Damen zu ängstigen, als sie wirklich auszuführen, gemacht; die Einen wollten um zwölf Uhr auf den Kirchhof gehen und dort um ein frisches Grab tanzen – die Andern in der Kirche selber eine Nacht allein bleiben, bis endlich irgend Jemand von der Gesellschaft das Experiment mit dem Spiegel in Anregung brachte.«

»Der junge Lieutenant erbot sich augenblicklich dazu und die Dame vom Hause, die wahrscheinlich glaubte, der junge Herr bramarbasire blos, sagte scherzend, damit ließe sich der Versuch ganz vortrefflich in ihrer eignen Wohnung machen. Im Gartenhause sei ein ganz einsam gelegener großer Saal mit zwei mächtigen Spiegeln, der seit längerer Zeit unbenutzt stehe – sie habe den Schlüssel dazu und wenn der Herr Lieutenant Lust hätte, könne er seine Wanderung gleich antreten. Ein allgemeiner Jubel unterbrach sie hier und der Husar durfte schon nicht mehr zurück, wenn er es wirklich gewünscht hätte. Allerdings erschrak die Dame, als sie sah daß es plötzlich Ernst wurde, und machte nun allerlei Ausflüchte; der Lieutenant bestand aber jetzt selbst darauf, gab sein Ehrenwort, daß er die vorbeschriebenen Bedingungen genau erfüllen wolle, und verließ mit einem Bedienten, der ihm Lichter und Feuerzeug nachtragen mußte, das Zimmer. Den Bedienten wollte er, an Ort und Stelle angelangt, zurückschicken.«

»Die Gäste wären allerdings gar zu gern mitgegangen, Einsamkeit war ja aber die Hauptbedingniß des ganzen Versuchs, und mit der gespanntesten Aufmerksamkeit erwarteten sie die Rückkehr des Offiziers – jedes Gespräch schien abgeschnitten – jede Unterhaltung stockte und eine halbe Stunde mochte so in peinlichster Weise verstrichen sein, als der mitgegebene Diener plötzlich todtenbleich in's Zimmer stürzte und die, jetzt kaum minder entsetzten Gäste zu Hülfe rief. Ein Paar Damen wurden richtig ohnmächtig, die Herren aber, die sich ja auch in ihrer Masse gesichert fühlten, stürmten, da ihnen der Bediente weiter gar keine Rede stehen wollte, von diesem geführt durch den Garten, in dessen Saal sie bleich und besinnunglos den unglücklichen jungen Menschen zwischen den beiden sich gegenüber befindlichen Spiegeln am Boden liegen fanden.«

»Was er gesehen – was ihm begegnet, hat man nie genau erfahren können, der Bediente hatte allerdings draußen an der Thüre des Gartensaales gehorcht, und wollte den jungen Mann, als er sich eine kurze Weile dort befunden, laut haben lachen hören, dann aber – und der Mann glich selber mehr einem Todten als einem Lebenden – schwur er Stein und Bein, es sei ihm so vorgekommen, als ob es von allen Seiten von oben und unten geantwortet hätte, gleich darauf gellte ein fürchterlicher Schrei heraus, und als dann Alles todtenstill geworden war, und er selbst in Furcht und Entsetzen viele Minuten lang athemlos gelauscht, da hielt er es nicht länger aus, riß die Thür auf und sah den Lieutenant ausgestreckt auf der Erde liegen. Weiter wußte er selber nichts, denn hierauf stürzte er spornstreichs in die Gesellschaft zurück, um Hülfe herbeizuholen.«

»Und der Lieutenant war todt?« frug der Pastor gespannt.

»Nein – nur wahnsinnig;« sagte der Schulmeister – »aber es ist wahrhaftig schon zehn Uhr vorbei – wünsche beiderseits eine gute Nacht – Bitte Barrenkamp – ich dächte, ich sollte die Treppen hier kennen – das Mädchen kommt auch gerade unten mit ihrem Lichte aus der Küche, die kann das Haus hinter mir wieder zuschließen.«