Und der Schulmeister verschwand, während die Eheleute allein in dem nur matt erhellten Gemach zurückblieben.
»Nun, die Geschichte hat mir heute noch gefehlt, sagte die Pastorin, und räumte, wie nur um sich eine Beschäftigung zu machen, das auf dem Tische stehende Geschirr zusammen – nur wahnsinnig – das ist ja fürchterlich. Die Leute hatten aber auch gefrevelt, so etwas darf man sich nicht zu Schulden kommen lassen – Herr Du mein Gott!« rief sie plötzlich, und als sie die Tassen, die sie in der Hand hielt, wieder auf den Tisch setzen wollte, fiel ihr eine herunter und zerbrach klirrend am Boden.
»Was hast Du denn?« fragte der Pastor und drehte sich rasch und erschrocken nach ihr um – sie sah todtenbleich aus und horchte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit nach dem Fenster hinüber. Nichts aber als das Unwetter draußen ließ sich vernehmen, der Regen schien etwas nachgelassen zu haben, und die Wolken schüttelten sich nur noch, nach dem langen verzweifelten Kampf, ungeduldig und unwirrisch das Wasser aus den nassen Jacken.
»Das war wieder derselbe Hülferuf,« flüsterte die Frau – »derselbe Ton und – Heinrich – soll mir der Herr in meiner letzten Noth beistehen – er klang gerade wie meines Vaters Stimme.«
Sie barg das Gesicht in den Händen und schauderte am ganzen Körper zusammen.
»Unsinn!« sagte der Mann und rückte sich ärgerlich die schwarze Kappe auf das linke Ohr, – »Unsinn – die dummen Erzählungen haben Dich aufgeregt und Du fängst mir am Ende auch noch heute Abend an Gespenster zu sehen und zu hören. Wir wollen zu Bette gehen – es ist Schlafenszeit und morgen, mit dem hellen Tageslicht werden Dir schon alle die trüben und ängstlichen Gedanken vergehen. Habe ich nicht recht, Elise? – aber was fehlt Dir auf einmal, was hast Du?«
Die Frau blieb, als ob sie die Worte gar nicht gehört, in ihrer Stellung, nur die zitternde Gestalt verrieth ihre Aufregung und ihr leises Schluchzen, wie die einzelnen, zwischen den fest zusammengepreßten Fingern vorquellenden Thränen kündeten, daß etwas ganz Absonderliches in ihrem Herzen vorgehen müsse.
»Elise,« – sagte der Mann nach kurzer Pause, während er leise der Gattin Hand ergriff und diese von ihren Augen wegzuziehen suchte – »bist Du nicht wie ein närrisches Kind, das sich von ein Paar thörichten Geistergeschichten in Furcht und Schrecken setzen läßt, und nachher nicht mehr allein über den dunkeln Vorsaal gehen, oder leiden will, daß die Magd das Zimmer verläßt? – Du kennst doch den alten Verwalter, weißt doch, was er fortwährend für abenteuerliche Märchen erlebt haben will. Wie haben wir nicht erst noch neulich über ihn gelacht, als er uns die Geschichte von den zwei feindlichen Irrlichtern erzählte, und wie böse wurde er darüber; und was das andere betrifft, wo –«
»Das meine ich nicht,« sagte die Frau leise und fast mehr mit sich selbst, als mit ihrem Manne redend – »der Verwalter kann sich geirrt haben, und die Spiegelgeschichte ist wohl fürchterlich genug, läßt sich aber vielleicht natürlich erklären; nein, mir bewegt Anderes die Brust. – Der Schulmeister hat ganz recht – es giebt übernatürliche Kräfte – es muß sie geben, denn wo wir wissen daß der kleinste Wassertropfen von unzähligen Geschöpfen belebt und bewohnt wird, wie dürfen wir da annehmen, die ungeheuern Luft- und Aetherräume umschlössen frei und leer das ganze Weltall. – Nein, das ist nicht möglich; um uns her, über uns, neben uns regt es sich und treibt und wirkt – die uns fernstehenden Gebilde berühren uns aber nicht; unsere Nerven sind nicht fein genug ihre Nähe zu empfinden, oder ihre Kräfte – mir fehlt der Ausdruck Dir genau zu beschreiben wie ich es mir denke – ihre Kräfte üben nicht einen solchen harmonischen – vielleicht magnetischen Einfluß auf die unseren aus, um uns zum Bewußtsein ihrer Annäherung zu bringen. – Das dauert aber nur so lange, bis wirklich einmal ein uns verwandter Geist unseren eigenen Luftkreis berührt, oder durch die Stärke seines Willens, seiner Seele, zu uns hingetrieben wird – dann ergreift er aber auch all die feinsten Fasern unseres innersten Systems und die Ahnung desselben, vielleicht auch nur das Bewußtsein dieses Gefühls entsteht und macht sie geltend –«
»Aber ich begreife Dich nicht –«