»Es ist heute der dritte Abend,« fuhr seine Frau, den Einwurf nicht weiter beachtend, fort – »daß ich dieselbe ängstliche Unruhe fühle wie heute – nur nicht so stark. Am ersten Abend erhielt ich, wie Du weißt, gerade vor Schlafengehen, den Brief von zu Hause – worin mir Mutter von des Vaters Krankheit schrieb.«
»Ein etwas hartnäckiger Katharr, wie sie selbst sagte, der sich bis jetzt schon wahrscheinlich wieder vollkommen gehoben hat.«
»Kein Katharr, Heinrich, – die Sache ist schlimmer als sie es mir sogleich schreiben mochte – weshalb den Brief eilig gemacht – weshalb nun das Schweigen? – Mit dem jetzigen Lauf der Eisenbahn könnte Nachricht in neun Stunden hier sein.«
»Komm Kind, erwiederte ihr lächelnd der Mann, – geh jetzt zu Bett, und morgen früh wollen wir ruhig über die Sache reden; Du phantasirst heute Abend, und da ist's besser Du überschläfst erst einmal die Gedanken, die das Sonnenlicht ohnedies nicht gut vertragen können. Doch sieh, der Wind hat den Himmel endlich rein gefegt, und der Mond scheint ordentlich freundlich in's Fenster herein, wenn sich der Sturm erst ein Bischen legt, bekommen wir vielleicht das schönste Wetter – komm Kleine – heb' das Köpfchen wieder und sei mein braves Weib – Du wirst Dich doch wahrlich nicht vor Spukgeschichten fürchten?«
»Nein, nicht vor Spukgeschichten, Heinrich,« flüsterte die Frau und starrte dabei mit festem glanzlosen Blick in die Ecke des Gemachs, das von der immer düsterer brennenden Lampe kaum noch hinlänglich beleuchtet wurde, – »gewiß nicht vor denen, ich habe schon fast wieder vergessen was der Verwalter und Schulmeister erzählten, aber – in mir selbst fühle ich daß, und zwar in diesem Augenblicke, irgend etwas bei den Meinigen vorgeht. Ich kann, so viel ich auch dagegen ankämpfe, das Bild meines Vaters nicht aus dem Sinn verlieren. – Fortwährend sehe ich ihn, bleichen, gramvollen Angesichts, in dem grünen Schlafrock mit dem dunkeln Käppchen vor mir auf- und abgehen und mit dem stählernen Uhrbehänge spielen, – was er nur that, wenn er krank oder leidend war – so deutlich höre ich dabei das leise klimpernde Geräusch, daß ich mich heute schon mehrmals im Zimmer umgeschaut habe, ob nicht irgend etwas die Ursache desselben wäre, aber es liegt mir allein im Ohr – Du – Ihr Anderen habt nie etwas davon vernommen.«
»Du bist heute aufgeregt, Kind, das ist die ganze Sache, beruhigte sie der Mann, komm, laß uns zu Bett gehen, es wird spät und ich bin müde – die Lampe scheint überdies kein Oel mehr zu haben; sie will ausgehen.«
Ein leiser, winselnder Ton, der fast wie ein ferner Hülferuf klang, wurde in diesem Augenblicke laut – man konnte nicht recht unterscheiden, ob er vom Hofe, oder aus dem Hause selbst herauf, erschalle – der Wind brauste und rauschte auch noch zu sehr in der dicht neben dem Gebäude stehenden Linde, und heulte im Schornstein auf und nieder. Die Lampe verlöschte in diesem Augenblick und der Pastor, der jetzt selbst, durch die Furcht der Frau vielleicht angesteckt, ein gewisses unheimliches Gefühl nicht ganz unterdrücken konnte, war eben im Begriff, in die daran stoßende Schlafstube zu treten, um von dort her einen kleinen, neben dem Feuerzeug stehenden Wachsstock zu holen, als die Gattin hastig und krampfhaft seinen Arm ergriff, und mit von innerer Angst fast erstickter Stimme, während sie die rechte zitternde Hand nach der andern Thüre ausstreckte, flüsterte:
»Sieh, – sieh dort!«
Der Pastor stand mit seiner Frau nahe der Schlafkammerthür und noch im Schatten der Wand, in dem jetzt dunkeln Zimmer, während ein einzelner Mondenstrahl in das obere Fenster und auf die gegenüber liegenden Treppenthür fiel; aber auch durch eine dünne Gardine so weit gemäßigt wurde, die Gegenstände, die er beleuchtete, nur undeutlich und unbestimmt erkennen zu lassen. Nichtsdestoweniger sahen die Gatten ganz genau, wenn sie auch nicht das mindeste Geräusch der sonst gewöhnlich kreischenden Thüre hörten, wie sich die blanke Klinke langsam bewegte und anscheinend von selber aufdrückte – gleich darauf öffnete sich eben so feierlich die Thür, und herein trat mit geräuschlosem Tritt eine Gestalt, die das Blut in Beider Adern stocken machte – der grüne Schlafrock, das schwarze Käppchen – die hohe, bleiche Figur – die Pastorin stand mit fast aus ihren Höhlen starrenden Augen, mit halbgeöffneten Lippen – mit noch immer zeigend und zugleich abwehrend ausgestrecktem Arme da, und selbst der Mann blieb überrascht – bestürzt vor dem, was seine eigenen Augen sahen und nicht ableugnen konnten – in der einmal genommenen Stellung.
Im nächsten Moment glitt die Erscheinung, sonst regungslos, langsam in den dunkeln Theil des Zimmers und ein klimperndes Geräusch wurde laut, wie von Stahl an Stahl. Der Pastor fühlte, wie sich sein Weib an seinen Arm klammerte und selbst von einem ihm unerklärlichen Entsetzen gefaßt, wußte er kaum ob er stehen bleiben, ob vorspringen sollte. Da ließ der Druck an seinem Arme nach und die Frau wäre zu Boden gestürzt, hätte er sie nicht rasch umfaßt und gehalten.