Als er sich wieder nach der Erscheinung umdrehte, war diese verschwunden, und der Mond schien freundlich in das stille – leere Gemach.
Der Pastor trug die ohnmächtig gewordene Frau auf ihr Bett, und sprang dann mit dem rasch entzündeten Lichte durch sein Zimmer, – riß die Thür auf, eilte die Treppe hinunter, durch alle Gänge, faßte an alle Klinken, fand selbst das Hausthor verschlossen und pochte vergebens an des Küsters Stube an; der alte Mann lag schon lange in tiefem Schlaf und hörte ihn nicht. – Es war Alles so still, so unheimlich; auf den Gängen rauschte und flüsterte es, wie mit schleppenden Gewändern zog's Trepp auf und ab – den sonst unerschrockenen Mann faßte ein Schauder an, und mit Gewalt mußte er das Gefühl, das ihm die Brust zusammen zu schnüren drohte, von sich werfen.
»Der Wind, – der Wind!« murmelte er, wie um sich selbst zu beruhigen dabei leise vor sich hin, und floh mehr als er ging, die Treppe wieder hinauf. Dort aber raffte er sich gewaltsam zusammen, betrat zuerst das Zimmer seiner Frau, um dieser beizustehen, stieg dann hinauf wo ihre Magd schlief, weckte sie und gab ihr die nöthigen Aufträge, was sie zu besorgen habe. Dann untersuchte er noch einmal alle Laden und Thüren, ging sogar über den Hof, um zu sehen ob das Hofthor verschlossen wäre, und that überhaupt Alles, was er nur mit ruhigster, kältester Besonnenheit hätte thun können; aber es geschah eben nicht mit kalter Besonnenheit, – wie ein Nachtwandelnder, mit bleichem Gesicht und glanzlosem Auge schritt er von Ort zu Ort, und die Bewegungen seines Körpers glichen eher denen eines künstlichen Automaten, als denen eines wirklichen, selbstbewußten Menschen.
Sobald der Morgen dämmerte und seine Frau in einen ruhigen stärkenden Schlaf verfallen war, schloß er sich in sein Zimmer ein, schrieb dort den ganzen Vormittag und siegelte mehrere Pakete und Schriften ein. Selbst zum Mittagsessen blieb er nicht vorn und sah nur einmal nach der Kranken, ob sich diese von den Vorfällen der letzten Nacht in etwas erholt habe.
Nachmittags klopfte es an sein Zimmer, und als er den Riegel zurückschob, reichte ihm der draußen stehende Postbote einen Brief. – Er riß ihn auf, sah nach der Unterschrift – er war von seiner Schwägerin Regine – und las mit flimmernden Augen, während das Schreiben in seiner Hand zitterte und er die Züge kaum erkennen konnte, folgende in flüchtiger Eile niedergeworfenen Zeilen:
»Lieber Schwager.
Gott hat uns gestern Abend auf schwere, entsetzliche Weise heimgesucht. Zwischen zehn und halb eilf Uhr starb, wahrscheinlich an einem Blutschlage, mein armer Vater. Theilen Sie Elisen die Schreckenskunde vorsichtig mit – ach, sein letzter, sehnsüchtiger Wunsch war ja, sie noch einmal vor seinem Ende zu sehen. Wenn es möglich ist kommen Sie her; Elise wird aber Ihre Gegenwart gerade jetzt wohl schwerlich entbehren können. Ich schreibe in der Nacht, und will den Brief noch vor dem Abgange eines Bahnzuges an einen Conducteur zur Beförderung schicken, daß er Sie wo möglich heute noch erreicht. Trösten Sie meine arme Schwester.
Ihre
Regine.«