Acht Wochen waren verflossen – draußen auf Feldern und Wiesen keimte und grünte es, das Frühjahr hatte mit seinem warmen Hauch den starren Boden geküßt, und froh auf dieser trieb, in immer neu erstehender Kraft und Jugend, saftreiche Gräser und Halme und bunte, glänzende Blumen und Blüthen. – Zwischen neckend nach ihm hinunterschwankenden Zweigen rieselte freudig murmelnd der klare Waldbach hin, und aus südlichern Zonen waren die munteren Sänger des Waldes wiedergekehrt und zwitscherten freudig in den alten lieb gewonnenen Plätzen, wo sie schon im vorigen Jahre so still und friedlich mitsammen gehaust.
Die Luft war rein und lau und auch vor der Pastorwohnung, unter dem blühenden Apfelbaume, von duftigen Hollunderbüschen umgeben, saß, an der Seite ihres wackeren Mannes, die erst von schwerer Krankheit erstandene Frau, und schaute mit mattem Blick auf das fröhliche Wirken und Schaffen der herrlichen Welt. Ihre kräftige Natur hatte endlich das heiße Fieber besiegt, der Körper erholte sich wieder, wenn auch langsam von dem erlittenen Anfall und die Kräfte kehrten nach und nach zurück. Der nicht zu scheuchende Trübsinn der Reconvalescentin aber, ihr dumpfes, stundenlanges Träumen und Brüten – die Angst, die sie ergriff, wenn sie Abends, selbst auf Augenblicke allein im Zimmer bleiben mußte, das Alles verrieth nur zu deutlich, wie sie jene Schreckensstunde nicht allein nicht vergessen habe, sondern die peinliche Erinnerung derselben auch noch im krankhaft erregten Gemüthe hege und sich heimlich abzehre und gräme.
Solche Furcht und Besorgniß mochte wohl das Herz des Gatten erfüllen, denn er hielt die Hand der Geliebten fest und innig in der seinen und schaute ihr wehmüthig freundlich in das bleiche leidende Gesicht, wagte aber doch nicht den wunden Fleck zu berühren, der vielleicht geheilt werden konnte, vielleicht aber auch nur eines Anlasses, nur eines Wortes bedurfte, um mit neuer, zündender Gewalt auszubrechen und um sich zu greifen. Ueber die Vorgänge jener Nacht hatte er selbst mit Niemandem gesprochen; nur seinem alten Freunde, dem Schulmeister, vertraute er die Ursache der Krankheit seiner Frau und theilte ihm dabei die näheren Umstände der Erscheinung und so bis zu den kleinsten Einzelnheiten mit, daß der Schulmeister doch endlich zugestehen mußte, es sei ein höchst merkwürdiger Fall, und bestärke ihn, wenn beide Gatten wirklich recht gesehen, nur immer noch mehr in dem, was er schon früher über Ahnungen gedacht und gesprochen. »Vor der Hand übrigens,« meinte er, »sei es am Besten, es auf sich beruhen zu lassen; es käme sehr häufig vor daß sich derartige, dem Anschein nach höchst wunderbare Fälle, oft später und ganz zufällig, auf die natürlichste Weise aufgeklärt hätten. Ja, wären die beiden Leute vorher nicht durch Geistergeschichten aufgeregt und gespannt gehalten worden, wäre irgend ein dritter, ruhiger Zuschauer dabei gewesen, dem dasselbe wiederfahren, aber so –« er schüttelte dann immer mit dem Kopfe, und wollte das Erlebte nicht zugeben.
Die untere Gartenthür ging auf, der alte Küster kam mit dem Schulmeister den breiten Mittelgang herauf, und herzlich begrüßten die beiden Männer zu ihrem ersten Ausgang in Gottes schöner Luft die Kranke, während der Küster dem Pastor ein Schreiben überreichte, das, irgend ein Geschäft betreffend, augenblickliche Erledigung verlangte.
Barrenkamp erbrach und durchflog es rasch und sagte dann, während er aufstand und sich dem Hause zuwandte:
»Ich werde in wenigen Minuten damit fertig sein, und Ihr könnt es gleich wieder mit zurücknehmen, Münzer. Bleibt Ihr Beiden indeß bei meiner Frau und vertreibt ihr die Zeit ein Bischen; sie wird gern einmal wieder auf die Plaudereien aus dem Dorfe horchen.«
Der Pastor ging schnell ins Haus.
»Was macht Ihr Münzer? sagte die Frau und streckte dem alten Manne die weiße abgezehrte Hand entgegen. – Ihr schaut jetzt recht gut und wohl aus – die Frühlingsluft scheint Euch zu bekommen. Setzt Euch zu mir – bitte Schulmeister, nehmen Sie Platz – was macht Euer Gärtchen – Eure Kuh, Euer kleines Stück Feld? – wir haben uns recht lange nicht gesehen.«
»Ach, beste Frau Pastorin,« erwiederte der Greis und faßte und streichelte die ihm gebotene Rechte – »seit acht vollen Wochen, seit dem Abend nicht, wo der Sturm die alte Linde an der Kirchhofsmauer umriß, und Hammers, unten im Dorfe, den Schornstein mitten in die Stube warf, der beinahe das jüngste Kind erschlagen hätte. Das war in jeder Beziehung eine böse Nacht und ich, meinestheils, werde sie im Leben nie vergessen. Sie, Frau Pastorin, sind ja auch damals krank geworden und haben sich gelegt. Ich weiß noch recht gut, am nächsten Mor – aber lieber Gott, fehlt Ihnen etwas? –«
»Es ist doch am Ende zu kalt hier draußen, Frau Pastorin,« unterbrach ihn hier rasch der Schulmeister, der ein dorthin führendes Gespräch so bald als möglich abzuschneiden wünschte. – »Sie möchten lieber hineingehen in's warme Zimmer – soll ich Sie vielleicht geleiten? –«