»Ich danke, ich danke, Herr Wendler,« sagte die Frau und hielt sich nur wenige Sekunden lang das Tuch gegen die Augen gepreßt – zum ersten Male wurde hier in ihrer Gegenwart, seit sie ihres Vaters Tod erfahren, jener Abend erwähnt, und sie mochte jetzt die Männer nicht merken lassen, wie sie der Gedanke daran erregte. – »Es war nur ein leichter Uebergang« fuhr sie dann mit einem halblächelnden Zug um den Mund fort – »ein leichter Uebergang sich oft einstellender Schwäche – ich habe meine alten Kräfte noch nicht wieder – es wird gleich vorbei sein. Doch – laßt Euch nicht irre machen, Münzer – Ihr nanntet jene Nacht eine böse – ist auch Euch – ist Euch etwas darin geschehen, daß Ihr sie nie wieder vergessen könntet?«

»Lassen Sie jene Nacht, beste Frau Pastorin,« bat sie der Schulmeister, »die ist lange vorüber; weshalb immer wieder auf sie zurückkommen. Münzer kann Ihnen eine andere treffliche Neuigkeit berichten; der Gutsherr hat ihm das kleine Stückchen Feld, das er bis dahin bewirthschaftete, verdoppelt, und hinlänglichen guten Samen zu Kartoffeln versprochen.«

Die Frau hielt indessen ihr Auge fest und forschend auf den alten Mann geheftet; es war unverkennbar, daß irgend ein Gegenstand alle seine Gedanken gefesselt hielt, denn er beachtete nicht einmal das, was ja bisher, wie die Pastorin recht gut wußte, sein höchster Wunsch gewesen. Etwas Anderes ging ihm im Kopfe herum und jene Nacht mußte damit in Verbindung stehen. Der leicht erregbare Zustand der Kranken faßte denn auch, besonders nach diesem Punkte hin, den geringsten Faden mit zitternder Schnelle auf.

»Was ist Euch geschehen, Münzer,« flüsterte sie und griff, die Hand des Schulmeisters zurückdrängend, nach seinem Arme – »was ist, – sagt mir – was ist mit jener Nacht?«

»Geschehn gerade nichts, Frau Pastorin,« erwiederte der Greis und schnitt verlegen mit dem Rand seiner Sohle in den gelben Kies ein, – »geschehen gar nichts, aber – wenn Sie es denn wissen und – mich nicht auslachen wollen – – ich hatte eine Erscheinung.«

»Münzer!« rief der Schulmeister vorwurfsvoll, und der alte Mann sah erst jetzt, als er die Augen vom Boden hob, zu seinem Schreck, welchen Eindruck die wenigen Worte auf die Frau gemacht hatten.

»Ihr saht – Ihr saht meinen Vater!« – rief diese mit heiserer, kaum vernehmlicher Stimme, – »gesteht es nur – gesteht – Ihr saht an jenem Abende meinen Vater – Münzer!«

Die Kranke war in fürchterlicher Aufregung und der Küster hätte Gott weiß was darum gegeben, kein Wort von der ganzen Geschichte gesagt zu haben; doch zu spät. Auch der Pastor, der gerade jetzt wieder aus dem Hause trat und bestürzt erkannte welcher Fehlgriff gemacht sei, war nicht mehr im Stande seiner Frau das einmal fest und krampfhaft erfaßte Ziel zu entrücken. Hören wollte sie, hören von des Küsters eigenen Lippen, was er gesehen, die Gewißheit wollte sie haben, daß ihr Vater selber sie gerufen »und dann, dann« – meinte sie und strich sich die Haare aus der feuchten weißen Stirn – »werde sie ruhiger, – werde ihr besser werden.«

Es blieb keine andere Wahl als ihr zu willfahren und der Pastor forderte zuletzt selbst den alten Mann auf, was er wisse, bei seiner Seele Heil aber kein falsches, übertriebenes Wort zu sagen.

»Ach, lieber Herr Pastor,« erwiederte der Greis, »wollte doch Gott, ich hätte ganz geschwiegen, noch dazu, da ich nicht einmal etwas Bestimmtes über die Gestalt sagen kann.«