»Die Gestalt« – wiederholte, kaum bewußt, die Kranke – »wo war sie – wie sah sie aus?«

Der Schulmeister stand bestürzt und ängstlich daneben – jetzt schien sein letzter Einwurf gehoben – und welchen Eindruck mußte eine solche Bestätigung auf die reizbare Kranke machen.

»Genau weiß ich's nicht,« flüsterte der alte Mann und sah sich selbst hier im hellen Sonnenlichte scheu um, als ob ihm der Gedanke an das Geschehene noch Schauder erwecke; »doch – es wird vielleicht besser sein, Ihnen das Ganze nur in wenigen Worten mitzutheilen. Ich hatte mich nämlich an dem Abende schon früh, weit früher als gewöhnlich, in's Bett gelegt; das Wetter war stürmisch und mein altes Reißen plagte mich wieder einmal ganz absonderlich; sobald ich aber einzuschlafen versuchte, störte mich ein häßlich ächzendes Geräusch, das, wie ich gar bald fand, von dem offen gelassenen Fensterladen der Sakristei herrührte. Nun hätte ich allerdings leicht hinübergehen und den Laden schließen können, noch dazu da ich fürchten mußte, der Wind bräche ihn vielleicht die Nacht aus den Angeln, und von der kleinen Hinterthür, die aus meinem Zimmerchen hinüber führt, sind's ja, wie Sie wissen, nur wenige Schritte – ich hatte aber die Schlüssel in des Herrn Pastors Studirstube liegen lassen –«

Der Schulmeister hob schnell den Kopf und sah den Küster forschend an.

»– und scheute mich hinaufzugehen und ihn zu stören. So lag ich bis nach zehn Uhr; da jetzt das Geräusch aber immer ärger wurde und ich nun auch ziemlich gewiß wußte, Sie wären oben Alle zu Bett – denn an der Linde, die vor meinem Fenster steht, kann ich es deutlich sehen, wenn oben in der großen Eckstube noch Licht ist – zog ich meine Filzschuhe und meinen alten Schlafrock an und schlich leise die Treppe hinauf –«

»Ihr waret an jenem Abend in meinem Zimmer?« rief der Pastor und die Lippen der Frau theilten sich in Staunen und Ueberraschung –

»Auf der Treppe schon klang mir's unheimlich und laut,« fuhr der Greis, die Frage nicht beachtend, fort, – »das stürmische Brausen um das Haus wurde hier, in dem umschlossenen Raume, zum leisen Flüstern und Zischeln, und ich öffnete rasch die Thür und schritt dem wohlbekannten Platze zu, wo der Herr Pastor immer Abends die Schlüssel hinlegt, damit ich sie früh finden kann. Schon hatte ich sie gefühlt und in die Hand gefaßt, denn ein schwacher Mondenstrahl fiel in dem Augenblicke durchs Zimmer, als ich – das Blut stockt mir jetzt noch in den Adern, wenn ich daran denke – ein leises Stöhnen vernahm, und den Kopf rasch darnach umwendend, eine helle Gestalt erkannte, die im Begriff schien, die Arme nach mir auszustrecken. Im nächsten Augenblick stand ich vor Entsetzen stumm und regungslos, als ich jetzt aber wirklich sah, daß sich die Erscheinung regte, als ich das weiße Grabtuch rauschen hörte, da kann ich nachher nicht einmal mehr sagen, wie ich aus dem Zimmer kam, nur so viel erinnere ich mich noch, ich glitt die Treppe hinunter, sprang in meine Kammer, die ich hinter mir verschloß – in's Bett, hüllte mich in die Decke ein und betete heiß und brünstig zum lieben Herr Gott, daß er alles Unglück von mir und diesem Hause abwenden wolle.«

»Und der Fensterladen?« frug der Schulmeister und ergriff lächelnd des Pastors Hand.

»Der Wind legte sich bald nachher, meinte der alte Mann, und das Aechzen hörte auf; wär's aber auch noch so stürmisch gewesen, an dem Abende hätten mich nicht zehn Pferde mehr in die Sakristei gebracht.«

»Elise!« sagte der Pastor, und zog das bleiche zitternde Weib leise an sich – sie zögerte einen Augenblick, – schaute noch zweifelnd – zaudernd vor sich nieder und barg dann mit lautem Schluchzen den Kopf an ihres Gatten Brust.