»Es ist nicht so schlimm, Ben!« sagte Hennigs gutmüthig, »wir wollen selbst zu Deinem Herrn hinüber reiten und ihn um Schonung für Dich bitten; er soll Dich nicht weiter mißhandeln.«
»Umsonst, umsonst!« stöhnte der Unglückliche, und sah starr vor sich nieder, »das wäre vergebens; letzten Freitag warf er mich zu Boden und trat mich mit Füßen; die harten Steine rissen die noch nicht geheilten Wunden der Peitschenhiebe wieder auf, wahnsinniger Schmerz durchzuckte mich, und in aller Verzweiflung, nicht mehr wissend was ich that, was ich beging, ergriff ich einen gerade dort liegenden Axtstiel und – schlug meinen Master zu Boden.«
»Unglückseliger!« sagte Hennigs mitleidig, »dann bist Du allerdings verloren!«
»Nein, nein!« rief Draper, »ich will verdammt sein, wenn ich ihn ausliefere. Ich weiß, was ich riskire, ich weiß was mich bedroht, wenn ich entdeckt werde, doch gleichviel; im schlimmsten Falle lasse ich die hier gethane Arbeit im Stich, und ziehe nach Iowa hinein, aber ich will nicht haben, daß mich das Bild dieses Unglücklichen mein ganzes Leben lang, Tag und Nacht hindurch mahnen und martern soll, und ich mir ewig sagen muß: der hatte dir nur das Leben gerettet, damit du ihn nachher gebunden seinem Henker überliefern konntest. Sei guten Muths, Ben, es soll Dir Nichts geschehn, ich will doch einmal sehn, ob der alte Draper so auf den Kopf gefallen ist, daß er nicht ein Mittel findet Dir fortzuhelfen.«
»Aber, Draper, Draper, denkt an Euer Weib und Euere Kinder,« sagte warnend der junge Mann.
»O, reden Sie dem Vater nicht ab,« bat ihn flehend Lucy, »lassen Sie ihn das gute Werk vollbringen, und – wenn Sie sich uns Allen als ein recht lieber, lieber Freund erweisen wollen, o, so helfen Sie nur dießmal, den armen, armen Jungen von so fürchterlicher Strafe zu erretten.«
»Liebe Miß Lucy,« erwiederte Hennigs, noch immer unschlüssig, »ich will ja gewiß Alles von Herzen gern thun, was Ihnen nur die mindeste Freude gewähren kann, ich sehe aber wahrhaftig nicht ein, wie dem armen Teufel geholfen werden soll. Sind ihm die Verfolger so dicht auf den Fährten wie er sagt, dann können wir sie auch jeden Augenblick hier erwarten, und in dem Zustand, in dem er sich jetzt befindet, wäre es für ihn unmöglich zu entfliehen. Hier im Haus sind wir eben so wenig im Stande ihn lange zu verbergen, selbst wenn wir wollten; denn das eine offene Gemach, was Sie haben, bietet nirgends auch nur den geringsten sichern Schlupfwinkel.«
»Wir müssen ihm einen Paß schreiben!« rief Mrs. Draper schnell, »das wird ihm durchhelfen; einen mit dem Paß versehenen Neger hält Niemand an.«
»Aber womit?« frug Lucy ängstlich, »wir haben weder Schreibzeug, noch Papier, selbst das Stückchen Bleistift, was in dem alten Haus über dem Kamin stak, muß verloren gegangen sein, ich konnte es wenigstens nirgends finden.«
Der Neger hatte indessen mit ängstlichen Blicken von einem der Sprechenden zum andern gestarrt, und seine Augen leuchteten, als er den Paß erwähnen hörte; jetzt, da ihm diese letzte Hoffnung abgeschnitten schien, barg er zitternd das Antlitz in den Händen, und wenn auch kein Laut, kein Schluchzen die Stille unterbrach, so kündete doch das convulsivische Zucken seiner ganzen Gestalt den ungeheueren Schmerz an, der ihn durchbebte.