Draper brach endlich das Schweigen und sagte mit hohler, fast tonloser Stimme, indem er den Neger noch immer mit seinem Arm unterstützte:
»Der Knabe hier rettete mir vor drei Wochen das Leben; ich badete im Strom, und nur seiner Dazwischenkunft verdanke ich es, daß ich das steile schroffe Ufer, zu dem mich die zu starke Strömung hingerissen hatte, wieder erklimmen konnte. Heute traf ich ihn flüchtig im Wald, und obgleich ich wußte, daß es ein entflohener Sclave sei, ließ ich ihn ungehindert ziehen. – Ich wandte mich ab und wollte nicht sehen, wohin er floh. Jetzt führt, Gott weiß nur welches Schicksal, den Unglückseligen in meine Hütte, und mir bleiben einzig und allein zwei Auswege offen: entweder ich verrathe meinen Lebensretter und überliefere ihn seinen Henkern, oder ich setze mich der Gefahr aus, angeklagt zu werden einem Neger, einem Sclaven, zur Flucht behülflich gewesen zu sein, – das Zuchthaus ist dann meine Strafe.«
»Hier ist, denk' ich, ein Ausweg möglich,« sagte Hennigs, »Wallis weiß, daß ihm ein Arbeiter nur dann von Nutzen sein kann, wenn er gesund und kräftig ist; auf Euer Wort giebt er überdies etwas, und wenn Ihr zu ihm hinüberreitet und ihm sagt, daß Ihr ihm seinen Neger gegen das Versprechen wieder verschaffen wollt, daß er den schon so arg Gemißhandelten nicht noch mehr züchtige, so glaub' ich, wird er schon ein vernünftiges Wort mit sich reden lassen und kein Unmensch sein. Zum Henker noch einmal, er gehört ja doch auch mit zur Kirche, und da darf er ja schon des Aufsehens wegen nicht den Tyrannen spielen.«
»Er schlägt die Augen auf,« sagte Mrs. Draper, die ihm indessen Stirn und Schläfe mit Essig eingerieben hatte, »er kommt wieder zu sich, großer Gott, wie weh dem armen Menschen ums Herz sein muß; Vater, wenn nun unser Sohn, der sich jetzt in Texas oder Mexico herumtreibt, so unter fremden Menschen läge, wie wolltest Du, daß ihm da geschähe?«
»Ich glaube wirklich nicht, daß ihm viel Gefahr droht, Mrs. Draper,« nahm Hennigs noch einmal das Wort; »wenn Sie es wünschen, so will ich selbst mit Draper hinüber reiten, um Wallis zur Milde zu stimmen, aber ausliefern müssen wir ihn, das verlangt nicht allein das Gesetz, sondern auch unsere eigene Sicherheit. Es ist ja denn doch auch nur ein Neger, und ich sehe nicht ein, weßhalb sich zwei Weiße seinetwegen in so entsetzliche Unannehmlichkeiten stürzen sollten, wie daraus entstehen könnten.«
»Es ist nur ein Neger, Mr. Hennigs,« sagte Sally mit bitterem Vorwurf im Ton, »das klingt, aufrichtig gesprochen, recht garstig von Ihnen. Vater war in seinen Augen auch nur ein Weißer, und er hat ihn doch aus dem Wasser gezogen. Das weiß ich, wenn Sie den armen Menschen wieder auslieferten, und ich wäre Lucy, ich spräche in meinem ganzen Leben kein Sterbenswörtchen mehr mit Ihnen.«
»Sein Sie barmherzig!« flehte auch Lucy jetzt, und sah bittend zu dem jungen Mann auf, der sich, den Hut in der Hand, verlegen hinter den Ohren kratzte.
»Aber, beste Miß Lucy,« sagte er endlich, »was hülfe es ihm denn, wenn wir unsere eigene Sicherheit auch wirklich nicht einen Pfifferling rechnen wollten, deßhalb wäre ihm doch nicht mehr geholfen. Entfliehen kann er nicht; wie käme ein Nigger von hier bis zu der canadiensischen Grenze ohne Paß? Liefern wir ihn also nicht aus, wobei wir uns zugleich für ihn verwenden können, so fängt ihn Jemand Anderes, und dann geht's ihm erst recht schlimm.«
Der Neger hatte seine großen, lebhaften Augen geöffnet und zu dem Sprechenden mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Seelenschmerz in den dunkeln Zügen aufgeblickt. Jetzt theilten sich seine Lippen, und er flüsterte, mit aber noch kaum hörbarer Stimme:
»Ich bin verloren, die Verfolger sind mir auf den Fersen; ich traf einen der nach mir ausgesandten Männer zufällig im Wald, und nur die Verzweiflung gab mir Kraft genug, ihm in dem dichten Unterholz zu entgehen, das ihm nicht erlaubte mit dem Pferd so schnell hindurch zu brechen. Unfern von hier wußte ich ihn von meinen Fährten abzubringen und floh nun, als letztem Rettungsweg, Ihrem Hause zu. Ich kann nicht weiter, mein Rücken ist zerfleischt, meine Kräfte sind erschöpft, die Wunden brennen mich wie Feuer, und die Glieder versagen mir den Dienst. Liefern Sie mich aus, dann ist's vorbei, und ich habe dieß elende Leben überstanden.«