War es nun eine, in dem bewegten Theaterleben erlangte Menschenkenntniß oder blos das Auftreten zweier anständigen Tuchröcke, kurz die Frau griff fast instinktartig nach den Billeten für den »ersten Blatz« und um 2½ Neugroschen à Person, traten sie schweigend ein in Thalias Tempel.

Ein großer Saal, von dem die Bühne etwa ein Drittheil einnehmen mochte, enthielt das Theater, und ein ziemlich viereckiger Vorhang mit gar wundersamer Malerei, verhüllte die Mitte, während zwei schmale Streifen Wald (die Bäume horizontal ausgespannt, um den leeren Zwischenraum vollkommen zu verdecken) die Zuschauer von einem Versuch zurückschrecken sollten, das Innere des Heiligthums zu erforschen. Nichts destoweniger hatte sich ein »Stück jungen Deutschlands« an die dortige Wand gedrängt, und dem kühnen Forschergeist der hoffnungsvollen Jugend gelang es auch wirklich, dann und wann einen flüchtigen Blick auf ein geschminktes Antlitz oder einen gewaltigen Federbusch werfen zu können, was dann augenblicklich durch ein freundliches telegraphenartiges Grinsen den Kameraden mitgetheilt wurde.

Vor dem Vorhang staken, auf schwarzen Blechprofitchen, fünf schwindsüchtige Talglichter, und zwischen diesen und den, in doppelter Reihe aufgestellten Rohrstühlen des »ersten Blatzes« lagerte, in malerischer Unordnung, die frohe, jubelnde Schaar der Schulkinder, beiderlei Geschlechts, die hier – für einen Sechser Entrée und der übernommenen Pflicht, das Ausblasen und Wiederanstecken der Lichter zu besorgen, je nachdem es dunkel oder hell werden mußte – theils lachend und schreiend, theils sehnsüchtig und mit einem gewissen ehrfurchtsvollen Schauer, den Anfang des Stückes erwarteten.

Die Zuschauer hatten sich ungewöhnlich zahlreich versammelt, und selbst die Gallerie (ein aus mehreren mit Brettern überlegtes Gestell von nebeneinandergesetzten sogenannten Böcken bestehend,) war so besetzt, daß Einzelne, die durch beharrliches Ausdauern die erste Reihe gewonnen hatten, von ihrem, etwa zwei Fuß hohen und etwas gefährlichen Stand, herunter gedrängt wurden, und nun, unter dem Hohnlachen der jedes Mitgefühls unfähigen Menge, ein anderweitiges Unterkommen suchen mußten, um auf den Zehen und mit vergebens ausgestreckten Hälsen die Aufführung zu genießen.

Nur mit großer Mühe und zu noch größerer Unbequemlichkeit der schon Sitzenden, wurde, durch Zusammenrücken, den Letztgekommenen Platz gemacht. Diese dann, der vordersten Stuhlreihe einverleibt, sahen sich plötzlich inmitten der festzusammengekeilten Menge, wobei ihnen jedoch, während ihre Kniee der vor ihnen lagernden »lieben Jugend« zu eben so vielen Rückenkissen dienten, vollkommene Zeit blieb, die verschiedenen Gruppen der übrigen Zuschauer genau zu betrachten.

Die arbeitende Klasse war am stärksten vertreten, und hübsche Dienstmädchen, wie kräftige Handwerker und Fischer, füllten fast den ganzen Raum aus; auf den »Sperrsitzen« saßen aber auch eine ziemliche Anzahl »nobel gekleideter« Gäste, und unter den letzteren fielen besonders zwei wohlfrisirte und beglacéehandschuhte Jünglinge – augenscheinlich aus einer der ersten Materialwaarenhandlungen der Residenz – in die Augen, wenigstens hafteten die Blicke der Jugend, so lange noch deren Aufmerksamkeit nicht der Bühne zugelenkt wurde, fast ausschließlich auf ihnen, wie sie, nachlässig auf ihren Stühlen zurückgelehnt, mit sehr schwarzen Hüten, peinlich blauen Halstüchern, großen Ringen an den rothen Fingern und mächtigen goldenen Halsketten, allerdings etwas auffallend gegen ihre einfache Umgebung abstachen. Neben diese, nur eine Reihe weiter vor, kamen die beiden Freunde zu sitzen, und hörten, wie der ihnen Nächste zu dem Anderen sagte, während er das kleine schwanke spanische Rohr mit dem maigrünen Glacéehandschuh an die Lippen hob:

»Eugene – die Sache fängt an unangenehm zu werden – es ist hier eine abominable Atmosphäre.«

»Auf Ehre,« erwiederte ihm, als wirkliches Spiegelbild, Eugene – »ich wollte wir wären in's Café gegangen; es sind doch hier gar zu viele« – er beendete die Rede flüsternd, da er wahrscheinlich von den hinter ihm Befindlichen mißverstanden zu werden fürchtete.

Das übrige, größere Publicum theilte übrigens, wenn gleich aus einem anderen Grunde, ihre Ungeduld, es ging nämlich stark auf neun, und trotzdem wurden immer noch keine Anstalten sichtbar, daß die Vorstellung wirklich beginnen sollte. Man trommelte, tobte und schrie also so lange, bis sich Herr Magnus endlich genöthigt sah vorzutreten, um den Lärmenden anzuzeigen, daß »die – Garderobe noch fehle, in wenigen Minuten aber auf jeden Fall erscheinen müsse.«

»Ich habe keenen Hausschlüssel mit!« schrie eine sehr feine Stimme aus der Mitte des Publicums heraus.