»Wen?« frug die dünne Stimme aus dem Publicum.
Das Räthsel wurde jedoch gleich darauf gelöst, denn aus der Coulisse stieg, sich etwas über den quervorgespannten Leinwandstreifen erhebend, ein dunkler Gegenstand empor – klappte oben an die Decke, und schlug dann, mit schwerem Fall, vor dem entsetzten Max nieder. Leider war aber der Adler den vorn brennenden Lichtern ein klein wenig zu nahe gekommen, denn die Kinder vorne jubelten jetzt, halb in Freude, halb in Ueberraschung:
»Herr Jeses – enne dote Hinne – enne dote Hinne!« (Huhn.)
»Hören Sie einmal – wenn Sie Nichts dagegen haben, so wär es mir lieb, Sie nähmen Ihren Hut ein wenig ab,« sagte in diesem Augenblick ein breitschulteriger, rothbäckiger Fischer, der dicht hinter einem der vorerwähnten Jünglinge stand; »ich habe bis jetzt nur den Vogel und Ihren Deckel gesehen.«
Seine Anrede wurde übrigens nicht gehört, oder nicht beachtet, denn mit einem verächtlichen Emporwerfen der Oberlippe sog der, dem die freundliche Ermahnung galt, nur um so eifriger an den elfenbeinernen Stockknopf, und der Fischer, der wahrscheinlich nicht beabsichtigte sich den angenehmen Abend durch Zank und Aerger zu verderben, arbeitete vor allen Dingen seine beiden breiten Hände aus den Taschen der weiten Beinkleider heraus, und begann nun, wobei er jedoch ziemlich hoch hinaufreichen mußte, mit den Fingern eine noch nicht componirte Melodie auf dem Deckel des ihm die Aussicht versperrenden schwarzen Seidenhutes zu trommeln.
Die Trommel wandte sich sogleich darauf sehr indignirt um, und ein paar Tod und Verderben sprühende Augen blitzten darunter hervor; der Fischer aber blieb, die Hände wie zu einer Pause erhoben, ruhig stehen, nickte nur freundlich grinsend dem Entrüsteten zu, und fuhr, als jener sein zorngeröthetes Antlitz wieder der Bühne zukehrte, höchst gemüthlich in dem kurzabgebrochenen zweiten Theil des Liedes fort, so daß sich der junge Dresdner endlich genöthigt sah den Hut aufs Knie zu nehmen.
Der erste Akt nahte so, ohne weitere Unterbrechung, seinem Ende, nur flogen, als Caspar dem Max das Huhn unter die Augen hielt, und ihn frug, ob er glaube, »daß ihm dieser Adler geschenkt sei« – einige halbe Bretzeln auf die Bühne, was einige der vorn gelagerten Knaben zu einem tollkühnen Einfall in das Herz des Heiligthums bewog. Aennchen aber, die mit einer Klemmbrille auf der Nase und dem Soufflirbuch in der Hand hinter der Coulisse stand, trieb die Eindringlinge mit drohender Geberde schnell zurück, konnte jedoch nicht verhindern, daß diese ihre Beute erst in Sicherheit brachten, und auch noch, bei dem etwas übereilten Rückzug, ein Talglicht mitnahmen, was indessen keine störenden Folgen weiter hatte, da andere Knaben theils das umgestoßene Licht schnell wieder befestigten, theils das sitzengebliebene Talg von den »Unaussprechlichen« des Frevlers abkratzten.
Max aber lehnte – alles Andere nicht beachtend, in tiefen Trübsinn versenkt, mit der Schulter an der vierten Etage des Wirthshauses, und schaute sinnend vor sich nieder, bis er endlich mit dem Stichwort zu Caspars großer Arie – die dieser freilich als zur Oper nicht unumgänglich nöthig, wegließ – abtaumelte, und der Vorhang fiel.
Rauschender Applaus folgte dem Aktschluß; dann aber, nachdem der Höflichkeit Genüge geleistet, wurden einige sehr unzufriedene Stimmen laut, und verlangten Chor – es stünde Chor auf dem Zettel und sie wünschten deshalb auch Chor. Durch sich selbst genährt wuchs der Tumult, und der Director, der erst mit der Klingel den Lärm beschworen hatte, trat, diese noch immer in der Hand, vor, und erklärte nun feierlichst, daß der Chor allerdings gesungen würde, nur müßten sie ein klein wenig Geduld haben, da jetzt erst die Wolfsschlucht käme, und diese allerdings keinen Chor vertrüge.
Stürmischer Applaus zeigte, wie einverstanden das Publicum mit der Direction sei, und die Masse drängte sich jetzt dem »Büffet« zu, wo verschiedenfarbige Liqueure, Lagerbier, Kaffee, Grog, Kuchen und Würste nebst diesen verbrüderten Semmeln in reicher Auswahl zu haben waren.