Unsere beiden Freunde hatten, dem Beispiel der Uebrigen folgend, ihre Sitze ebenfalls verlassen, als auf einmal ein ganz eigenthümliches Gedränge – ein förmliches Wogen der Masse entstand, ohne daß irgend ein bestimmter Zweck dieser plötzlichen, nach einem Punkt hin gerichteten Bewegung, deutlich wurde; nur zur Thür strömte die Menge. Da erkannten sie plötzlich in deren Mitte – unglückliche Leidensgefährten – die beiden, blaubehalstuchten Jünglinge, die heftig gegen den, sie weiter und weiter vorwärts drängenden Volksknäuel anzuprotestiren schienen. Wohin sie jedoch auch zornig und wüthend blickten, begegneten ihnen nur freundlich zunickende Gesichter, ein ungeheurer Humor hatte die Menschenwoge erfaßt, und die zwei »Mißbeliebten« – mit denen nur die, sich dicht um sie her Befindenden vollkommen einverstanden schienen – wurden trotz alles Sträubens und Fluchens, fortwährend aber in der herzlichsten Art von der Welt, ja von einem Theil des weiblichen Publicums sogar mit zugeworfenen Kußhänden – förmlich hinausgefluthet.

Osfeld, seiner Versicherung nach mit dem Director bekannt, versprach jetzt dem Freund, ihn bei jenem einzuführen, und zog ihn, nachdem er ohne weitere Umstände den einen quergezogenen Waldvorhang bei Seite geschoben hatte, in das Innere des Heiligthums.

Dort sah es bunt aus; das Theater nahm fast die ganze Breite des Raumes ein, und nur ganz schmale, an den Seiten hinlaufende Gänge ließen ebenfalls kaum so viel Zwischenplatz übrig, daß die Abgehenden vollkommen verschwinden konnten; nichts destoweniger hatten die Schauspieler durch jahrelange Uebung eine gewisse Fertigkeit erlangt, durch rasche Seitenbewegungen bei jedem Abgang schnell die Coulisse zwischen sich und das Publicum zu bringen, das dann seine Vorstellung von dem, hinter und neben der Bühne befindlichen Raum, ins Unendliche ausdehnen konnte.

Die jungen Leute schritten jetzt quer über die »Breter, die die Welt bedeuten« hin, und zwar zu dem, mit einer grünen Decke verhangenen Garderobenzimmer. Dort traten sie ein und fanden sich hier plötzlich in der wunderlichsten buntesten Gesellschaft, die sich nur möglicher Weise und der wirklich regsamsten Einbildungskraft, denken ließ.

Rings an den Wänden standen kleine Tischchen, mit traurig flackernden Talglichtern, die dem ganzen Raum nur eben genug Helle gaben, um sein düsteres Aussehen recht deutlich hervorzuheben. Kleine Kasten mit zerbrochenen Stücken Spiegelglas, Schminktöpfe, Schminkpapier und Baumwolle, angebrannte Korkstöpsel, Flitterband, zerdrückte Blumenbouquets und farbige Glasperlenschnüre lagen überall umher, und Agathe und Aennchen waren eben noch beschäftigt, ihren Wangen die zu Braut und Brautjungfer nöthige Frische zu verleihen.

Osfeld wurde von Allen als Bekannter begrüßt, und hatte keine Schwierigkeit seinen Freund ebenfalls da einzuführen; gerade jetzt drängte jedoch die Zeit zu sehr, als daß sich Einer der Beschäftigten hätte mehr als in kurzer Anrede mit ihnen einlassen können; sie bekamen deßhalb auch um so ungestörtere Gelegenheit, sich in dem kleinen Raum vollkommen gut orientiren zu können.

Eine besonders interessante Gruppe bildete hier der Erbförster Kuno und Samiel, von denen der Erstere dem Letzten eben, mittels eines angebrannten Korkstöpsels, die Nase schwarz färbte, damit diese, wie er auf Osfelds Frage erklärte, dem Gesicht das Aussehen eines Todtenkopfes gäbe.

»Denn sehn Sie,« nahm hier Samiel, sie als ein höchst artiger Teufel begrüßend, das Wort, »wenn de Nase schwarz is, so sieht man se nich vom Bublikum aus, und dann kriegt das Gesicht was Schreckliches!«

In dem Augenblick klingelte es, und der Vorhang ging wieder auf; die beiden Freunde blieben daher, um während der Aufführung keine Störung zu verursachen, hinter der Scene, und unterhielten sich indessen mit Herrn Magnus, der eben beschäftigt war, ein ziemlich umfangreiches wahrscheinlich eben gestimmtes Hackebret wieder in seinen Kasten hineinzulegen, da sie ihm, wie er äußerte, während der Wolfsschlucht »hineindämmern« könnten.

Agathe sowohl wie Aennchen schienen aber ungemein wenig von ihren Rollen zu können, und der Director glaubte den Gästen darüber eine Erklärung schuldig zu sein.