Sie standen auf, und erreichten, nach unzähligem »Bitte um Entschuldigung's und Haben Sie die Güte's« den Eingang zur Bühne, auf der aber indessen eine wesentliche Veränderung vorgegangen, und alles Teuflische – nur Samiel ausgenommen – verschwunden war. Selbst die Eule lehnte, mit dem Kopf nach unten, in der Ecke, und das Hackebrett paradirte jetzt frei und offen auf einem schmalen Tisch, vor welchem Magnus im Anzug des Fürsten Ottokar, mit wehenden Barrettfedern stand, und in jeder Hand einen der Klöppel schwang, mit welchen das Instrument gespielt werden sollte.
Der Vorhang war indessen wieder aufgezogen und der Tumult hatte sich beruhigt – Aennchen erzählte ihre Kettenhundgeschichte, und nun traten die Brautjungfern herein. Da aber – ehe noch ein frevelnder Mund das Wort »Chor« aufs Neue aussprechen konnte, quollen die sanften Töne, von wirklich geübter Hand hervorgelockt, aus den langgespannten Stahlsaiten, und Magnus präludirte den »Jungfernkranz« (der soll nie sagen, daß er ein Deutscher sei, der das Lied nicht kennt) während die hinter den Coulissen Stehenden, als: Caspar, Samiel, Max, der »Eramit« wie er genannt wurde, und selbst Osfeld und Wehrig in Baß und Tenor mit einfielen zu dem, was Agathe und Aennchen vorn auf und etwa ein halbes Dutzend Freiwilliger, indessen vor der Bühne sang. Zur Unterstützung piepten noch, aber nur leise und schüchtern, einige dünne Kinderstimmen mit ein, in den feierlichen Chor, und Fürst Ottokar fuhr jetzt, mit kühner Hand in die Variationen des Liedes eingehend, schnell und sicher über die Saiten hin.
Da schwieg der Chor plötzlich – die Todtenkrone hatte sich gefunden – die Brautjungfern standen entsetzt – aber das Hackebrett schwieg nicht – wild rauschten die Töne – »veilchenblaue Seide« – die Droschkenfahnfarbenen Barettfedern schwankten über dem Instrumente, die immer größere Aufregung des Spielenden bekundend. Vergebens that der »Eramit« Einspruch – vergebens nahm sich selbst Samiel der Sache an – Ottokars Seele lag in den Saiten, und erst, als schon Alle abgegangen waren, als die Stube wieder heruntergefallen, als Caspar, Max und Kuno aufgetreten, ja erst dann, als man nach dem Fürsten rief – verstummte der »Jungfernkranz« –
Ottokar sprang empor und war in dem einen Moment wieder ganz der Fürst. Mit stolzen Schritten trat er vor, sah sich im Kreise um – hob die Hand, und stimmte im nächsten Augenblick mit starker, wenn auch etwas heiserer Stimme das »Jägerlied« an.
Hierin aber war Publicum zu Hause – von allen Seiten her fielen sie, freilich in gar sehr verschiedenen Tonarten, ein, und ein solcher Sturm bewegte plötzlich den kleinen Raum, daß ein friedlicher Polizeidiener, der bis dahin – incognito – in dem benachbarten Schenkzimmer neben einem Glase Bier geschlafen hatte, plötzlich, völlig munter geworden, aufsprang und dem Schauplatz zueilte, da er – wie er später äußerte – geglaubt hatte, »es keilten sich welche.«
Bis zu diesem Lied nun, war noch Alles so ziemlich in seinem ruhigen Gleis fortgegangen; bis hierher schien doch Jeder wenigstens eine Ahnung von dem gehabt zu haben, was in seiner Rolle stehe; von nun an aber entstand eine Verwirrung, wie sie wohl noch selten dagewesen. Kein Mensch wußte mehr was er zu sagen hatte und welches sein Stichwort sei. – Jeder sprach die verkehrten Sätze, und Agathe, die hinter der Coulisse vor soufflirte, mußte sich, nach einem Ausdrucke des »Eramiten« die »Seele aus dem Halse schrein.«
Zu diesem kam nun noch, daß der Director selbst die ganz besondere Eigenheit hatte, nie dieselben Worte, sondern immer nur den Sinn dessen wiederzugeben, was ihm soufflirt wurde. Geschah das nun aus Stolz, oder aus dem Bewußtsein innerer Ueberlegenheit – wer konnte es ergründen; nur würde es Jeden zur Verzweiflung gebracht haben, der auf ein richtiges Stichwort, von seiner Seite gewartet hätte.
»Wo ist die Braut? ich habe so viel zu ihrem Lobe gehört, daß ich auf ihre Bekanntschaft recht neugierig bin!« flüsterte die Souffleuse nun zum dritten Mal.
»Wo steckt aber denn nur die Braut!« sagte Fürst Ottokar, sich überall umsehend – »ich bin recht neugierig geworden, ihre werthe Bekanntschaft zu machen.«
»Ich habe so viel zu ihrem Lobe gehört!« keuchte der Souffleur.