»Auf sehr einfache!« sagte der Intriguant, und fing an, seinen schon etwas mitgenommenen Rock bis oben hinauf zuzuknöpfen. »Sehen Sie, bei Conversationsstücken, da muß sich Jeder seine eigenen Lumpen halten, und da wir die Woche hindurch immer nur ein Stück, wenn auch an fünf oder sechs verschiedenen Orten geben, so sparen wir also in jeder solchen Woche zwei Thaler. Nun lassen Sie uns einmal vier Wochen hintereinander Conversationsstücke geben – und da kommen immer nur erst vier auf jedes Wirthshaus – dann haben wir acht harte Thaler gespart, und damit kauf' ich dem Teufel seine Garderobe ab.«
»Mit acht Thalern?« rief Osfeld erstaunt aus.
»Mit acht Thalern,« betheuerte der Intriguant, während er sich den Hut in die Stirn drückte, und ein kleines Bündel, das er in der Hand trug, und was einem reinen, wahrscheinlich noch zu schonenden Hemd sehr ähnlich sah – fester zusammenrollte und unter den linken Arm schob – »mit acht Thalern kaufe ich den ganzen Bettel – doch es wird spät, der Wirth will zuschließen – also – 'pfehle mich ergebenst, meine Herrn!« – und damit, weil er wahrscheinlich glaubte, die Laien tief genug in die Geheimnisse seiner Berechnungen eingeweiht zu haben, stieg er die steile Treppe hinab.
Die jungen Leute sahen ihm mit einem Gemisch von Staunen und Mitleid nach, und einen eigenen unheimlichen Zauber fast übte dabei ihre ganze trostlose Umgebung; der Wirth aber, der schon seit einigen Minuten, mit einem dünnen flackernden Talglicht in der Hand, das Fortgehen der so lange Säumenden erwartet hatte, schien nicht Lust zu haben noch länger seine eigene Bequemlichkeit wie das Talglicht der Zugluft preis zu geben. Sie folgten seiner ungeduldig werdenden Bewegung, er schloß dicht hinter ihnen die Thüre zu, riß den Zettel ab, und überließ es Jenen, ihren Weg ins Freie zu finden, was jedoch, mit Hülfe einer noch im Vorhaus brennenden Laterne gelang.
Bald standen sie wieder am Ufer der Elbe, und der heitere, blauklare Nachthimmel lachte hell und freundlich auf die stille Erde, auf Glückliche und Unglückliche hernieder.
Die Schoonerfahrt.
Neuseeländische Skizze.
Am Horizont dämmerte der Tag – vom nicht mehr fernen Inselufer herüber trug der warme Nachthauch die süßen würzigen Düfte tropischer Vegetation, und oben am mattblauen, noch hie und da mit erbleichenden Sternen geschmückten Himmel, schwebten kleine milchweiße Wolken, und errötheten freudig, als sie endlich die lang erharrte, strahlende Sonne erkannten und ihren Morgenkuß auf den Wangen fühlten. Unten aber, über das noch in grauer Dämmerung lagernde Meer, strichen ernst und schweigend einzelne breitschwingige Albatrosse hin, und regten nur in langen Zwischenpausen die mächtigen Flügel, daß sie, in ihrer gespensterhaften Weise fast den Geistern der Nacht glichen, die das helle Licht der Sonne zu fürchten und zu fliehen schienen.
Wie ein schlummernder Koloß lag der Ocean, und in ruhigen gleichmäßigen Athemzügen hob sich die Schwellung der Wasser. Hie und da nur brach ein spielender Delphin die stille Ruhe, oder der gellende Schrei eines Wasservogels störte den schlafenden Pelikan, der sich, sein Nachtwerk vollendet, regungslos mit der Fluth heben und schaukeln ließ, und jetzt nur den rasch emporgehobenen Kopf ärgerlich schüttelte und wieder unter den Flügel schob.
Immer lichter wurde es im Osten; einzelne leuchtende Strahlen schossen ihre zündenden Pfeile schon mitten ins Herz der ängstlich zurückdrängenden Finsterniß hinein, und jetzt – rasch und plötzlich, wie sich in den Tropen der junge Tag aus den Armen der Nacht reißt –, tauchte die große goldene Sonnenscheibe herauf, über das blinkende funkelnde Meer. Vor ihr her aber, als ob sie selber, der neugewonnenen Himmelsluft froh, so recht kräftig und wohlgemuth aufathme aus tiefster Brust, sandte sie ihren Hauch, und leise tändelnd und spielend lief der über die, sämmtlich die kleinen Mäulchen nach ihm aufspitzenden Wellen hin, und küßte sie alle, alle die munteren blitzenden Dinger, mit ihren treublauen seelenvollen Augen.
Rasch stieg die Sonne empor und ihr Schein, der die weite Fläche mit seinem Glanze erfüllte, fiel auch auf ein einzelnes schneeweißes Segel, das wie ein müder Seevogel auf dem Wasser lag und seinen Bug dem immer klarer im Süden hervortretenden Landstreifen entgegengerichtet hielt. Es war ein Schooner und zwar nach Art der amerikanischen Schnellsegler betakelt, aber mit etwas breiterem, schwerfälligerem Bug und nicht so starr und keck emporragenden Masten und Spieren – ein sogenannter Sidney Schooner, wie sie theils die australischen Küsten befahren, theils auch nach den benachbarten Inseln, ja oft bis selbst nach Neuseeland hinüberschiffen und Sturm und Wellen trotzen.