Der »Kasuar,« wie das kleine Fahrzeug hieß, hatte denn auch die Reise von Port Jackson aus in gar kurzer Zeit zurückgelegt und befand sich jetzt nur noch wenige Meilen von seinem Ziel entfernt, dem nordöstlichen Ufer der Insel Ika-na-mawi, welche zugleich die nördliche Hälfte der großen Doppelinsel Neu-Seeland bildet. Der Wind aber, der bis dahin gar munter ihre Segel geschwellt, hatte gänzlich nachgelassen, oder doch wenigstens in der herüberwehenden Landbriese einen Gegner gefunden, gegen den er nicht ankämpfen konnte oder mochte. In der Morgendämmerung, wo Land- und Seewinde einander ablösen, war denn gar noch jeder Luftzug eingeschlafen, und die Segel hingen schlaff und unthätig an den Masten nieder, gegen die sie nur manchmal, wenn die Schwellung der Wasser das sich höchst passiv verhaltende Fahrzeug hin und her schaukelte, schwerfällig anschlugen.

Thätiger zeigte sich dagegen die Mannschaft des kleinen Seebootes; von den vier Matrosen, die oben beschäftigt waren, arbeiteten drei gar fleißig daran, die weißen Deckplanken mit rasch heraufgeholten Eimern voll Seewasser noch immer weißer und reiner zu scheuern und zu spühlen, und auf dem Hinterdeck, die beiden Arme fest auf die Starbord Bulwarks[8] gestemmt, saß ein kleiner, ziemlich corpulenter Mann, mit von der frischen Morgenluft gerötheten Wangen, deren Schimmer in der breitvorstehenden Nase einen Wiederglanz zu finden schien. In den Händen hielt er übrigens ein langes, gerichtetes Teleskop, mit dem er das vor ihnen liegende Land scharf und aufmerksam beobachtete. Er senkte wenigstens dann und wann das Glas, wischte sich mit dem Zipfel eines rothseidenen Taschentuchs das rechte Auge aus, und begann seine Forschungen aufs Neue.

[8]: Starbord und Larbord heißen die beiden Seiten eines jeden Fahrzeugs, und zwar die rechte, vom Steuermann aus gerechnet, Starbord, die linke dagegen Larbord oder Backbord.

Der einzige, anscheinend Müßige am Bord, war der am Steuerrad lehnende Matrose, denn der hielt, wie er so da stand, die Speichen eigentlich nur deßhalb fest, um seine eigene, nachlässig in sich selbst zusammengesunkene Gestalt zu unterstützen. Dann und wann schaute er dabei, mit einem halb schläfrigen Ausdruck in den gleichgültigen Zügen zu den unthätig niederhängenden Segeln und der schlaffen am Hintermast befestigten Windfahne auf, und fiel nachher, als ob er damit jeder nur von ihm zu fordernden Pflicht ganz vollkommen genügt habe, gemächlich in seine alte Stellung zurück.

Da tauchte noch ein anderer Kopf aus der Kajütenluke empor, und gleich darauf stiegen zwei Gestalten an Deck, von denen sie die eine leicht als Master des kleinen Fahrzeugs erkennen ließ; die andere dagegen gehörte einem mehr fremdartigen, in seine Umgebung nicht recht passenden Wesen an, das wir deßhalb schon und seiner äußeren Erscheinung willen, ein wenig näher betrachten wollen.

Es war ein Mann, kaum mehr als zwei oder drei und dreißig Jahr alt, aber mit wohlmarkirten und dunkelglühenden Augen, nicht übermäßig stark und groß, doch von kräftig elastischem Körperbau. Das Außergewöhnliche an ihm bestand übrigens – obgleich sich seine Züge, einmal gesehen, sicherlich nicht leicht wieder vergaßen – weniger in seiner persönlichen Erscheinung als in seinem Anzug, der eine Mischung von europäischer und indianischer Tracht bildete. Der Mann selber stammte allerdings von Weißen ab, denn wenn auch seine Haut durch Sonnengluth und Luft so verbrannt und gefärbt war, daß sie in ihrer dunklen Schattirung wenig der, neuseeländischer Eingeborener nachgeben mochte, so verrieth doch das lichtere gekrauste Haar, die mehr geröthete Wange und der ganze Schnitt des Gesichts nicht allein den Weißen, sondern auch den Engländer, während der weite neuseeländische Tapamantel und die, aus roher Haut verfertigten moccasinartigen Schuhe, wie die, nach Art der Indianer unter dem Knie gebundenen Beinkleider, eher einen Halbbrut-Wilden vermuthen ließen.

Sein Begleiter, der Master des kleinen Kasuar, der sich übrigens, wie alle solche Küstenfahrer, viel lieber »Capitän« nennen hörte, schien denn auch über den wunderlichen Aufzug seines Passagieres sehr erfreut und seine, ohnedieß schon recht ansehnliche Physiognomie hatte sich zu einem breiten, wohlgefälligen Grinsen ausgedehnt, mit dem er, sobald sie das Deck erreicht hatten, den Wilden von oben nach unten betrachtete, bis sich dieser endlich mürrisch gegen ihn wandte und ausrief:

»Nun Sir, wenn Sie sich satt gesehen haben, lassen Sie mich's wissen. Ist Ihnen denn in Ihrem ganzen Leben noch kein Tapamantel vorgekommen, daß Sie dreinschauen, als ob wir uns mitten in London, anstatt wirklich an der neuseeländischen Küste befänden?«

»Nichts für ungut,« lachte der Seemann, »ich dachte nur eben daran, was für ein Gesicht der Gouverneur in Sidney schneiden würde, wenn Sie ihm, so aufgetakelt, vor den Bug kämen. Seeschlangen und Eisbären, Sie kommen mir vor wie ein Kriegsschiff mit Frauenzeug an Bord und an der Gaffel einen Unterrock aufgehisst – segeln auch wohl einen Kreuzzug unter falscher Flagge?«

»Alle Wetter!« rief da der kleine dicke Mann, der sich in diesem Augenblick zum ersten Mal nach den Redenden umwandte, ganz erstaunt aus – »Mr. Dumfry als Neuseeländer!«