»Gentlemen« erwiederte aber der also Genannte, indem er sich, ohne die letzte Bemerkung weiter einer Antwort zu würdigen, an seine beiden Begleiter wandte, »ich möchte ein paar ernste Worte mit Ihnen reden, denn es betrifft Dinge, die noch auf jeden Fall besprochen werden müssen, ehe wir jene Küste betreten.« Und sein Auge haftete dabei sinnend an den blauen Landstreifen, dessen Conturen, durch das aufsteigende Tagesgestirn beleuchtet, immer deutlicher und erkennbarer hervortraten.

»Hm,« sagte der Capitän und schob die Finger beider Hände in die Seitentaschen seiner kurzen blauen Matrosenjacke – »Geheimnisse wohl? werden dann lieber wieder in die Kajüte hinunter gehen.« Sein Blick, der zugleich auf den, neben ihnen am Steuer befindlichen Matrosen fiel, zeigte deutlich genug daß er fürchtete, dieser könne, da der Raum des Hinterdecks allerdings nicht bedeutend war, ihr Gespräch belauschen.

»Wir haben,« erwiederte ihm aber Dumfry, »von den Leuten an Bord Nichts zu fürchten, wie Sie mir sagten, kommen die ja mit dem Lande nicht in Berührung.«

»Ei bewahre,« rief der Capitän – »gerade der, der dort steht, ist ein noch nicht entlassener Sträfling, den ich eigentlich wider die Gesetze mit an Bord genommen habe; er hat sich aber bis jetzt ordentlich benommen und – mir fehlten Matrosen, da konnte ich ihn, der ein tüchtiger Seemann ist, gar gut gebrauchen. Uebrigens bleibt der Schooner am äußersten Rande der Bai vor Anker liegen, das kleine Boot nehmen wir selber mit, und daß mir nachher keiner ans Ufer schwimmt, dafür sorgen unsere guten Freunde, die Haifische, von denen es hier eine besonders große Anzahl giebt.«

»Gut denn, so können wir ruhig hier oben bleiben,« sagte der Verkleidete, wandte sich dem Starbord Bulwark zu, und erwartete hier, an dieses angelehnt, und sein Gesicht dem Meere und dem vor ihnen liegenden Ufer zugekehrt, die beiden Freunde, die sich bald rechts und links neben ihn stellten, seiner Mittheilung zu lauschen.

Ehe wir übrigens dem Gespräch der Männer, die wir in unserer Erzählung begleiten wollen, folgen, möchte es vielleicht nöthig sein, dem Leser einen kurzen und flüchtigen Ueberblick des Theils der neuseeländischen Verhältnisse zu geben, mit welchem wir es hier zu thun haben, damit er die Beweggründe der Schooner-Passagiere begreifen, und ihrem Unternehmen mit größerem Interesse folgen kann.

Wie in allen uncultivirten Ländern der Welt, so bildeten auch in Neuseeland die Missionäre gewissermaßen die Tirailleure der Civilisation; denn wie man einen bösen und starken Hund streichelt, und vielleicht durch den angenehmen Geruch eines vorgehaltenen Knochens, wie durch freundliche zuredende Worte zu besänftigen sucht, so wird den wilden trotzigen Nationen, denen der liebe Gott wahrscheinlich nur zufällig so vortrefflich zu Handel und Ackerbau gelegenes Land gegeben hatte, zuerst die christliche Religion mit ihren frommen und jede rauhe That verbietenden Lehren gezeigt. »Seht,« sagen die Missionäre – »solch gute Menschen sind wir, das steht Alles in der Bibel, unserem, uns von Gott selbst gegebenen Buch, und das thun, das befolgen wir auch Alles; davon weichen wir kein Haar breit ab, und so gut müßt Ihr auch werden, wenn Ihr einst das Alles erhalten wollt, was uns für unsere Frömmigkeit versprochen ist.«

Der Wilde, dem schon das an und für sich imponirt, daß einzelne unbewaffnete Männer, fremd mit seinen Sitten und Gebräuchen, durch Nichts geschützt, als das Vertrauen auf sein Volk, weit über das Meer daher kommen; ja vielleicht gar durch das Neue der Sache selbst angereizt, oder auch im naturkräftigen Herzen das Schöne solcher Lehre ahnend, neigt sich endlich dem fremden Glauben und huldigt dem fremden Gotte. Er will es einmal versuchen, ob das auch alles wahr und wirklich so ist, was ihm die fremden Männer mit den wunderlichen schwarzen Kleidern gepredigt haben.

Kaum hat ihn nun sein eigener freier Wille, oft freilich auch nur ein für ihn reiches Geschenk dazu gewonnen, dann nimmt man ihm schon ein Versprechen ab – das er bei einem nur etwas anders gestalteten Heiligenbild, als er es bis jetzt gewohnt gewesen, leisten muß – seinen neuen Glauben nie wieder zu verlassen, und dem europäischen Gott wie auch dem europäischen Fürsten, dessen Emissäre sich dort gerade vorfinden, gehorsam zu sein.

Der arme Wilde, der es übrigens sehr natürlich findet, daß der europäische Gott auf der Erde von einem Fürsten vertreten wird – denn einem anderen Häuptling Gehorsam zu schwören wäre ihm nie eingefallen – leistet den Eid, weiß aber in jener Zeit gewöhnlich gar nicht was er verspricht, und ist nicht um ein Jota mehr zurechnungsfähig, als ein Säugling, der in der christlichen Religion getauft, oder ein vierzehnjähriger Schuljunge, der in ihr confirmirt wird. Weicht er aber später einmal davon ab, erwacht der alte trotzige Geist in ihm, oder sieht er vielleicht gar, daß sich doch nicht Alles so lieb und gut verhält, wie es ihm die fremden, im Anfang so freundlichen Männer vorgesprochen, dann wird er an sein Versprechen gemahnt, und wenn das nicht mehr ausreicht, zu der Liebe für die christliche Kirche gezwungen.