»Ei, er hat ja geschworen,« sagen jetzt die Fremden, denn außer den Missionären treten nun auch plötzlich gar frommgesinnte Kaufleute aus dem Hintergrund und schreien über verletzte Rechte – »er hat ja einen Traktat, in welchem ihm Alles haarklein auseinandergesetzt wurde, mit seinem eigenen Zeichen selbst untermalt (denn lesen und schreiben konnte der arme Teufel leider nicht), und muß nun auch halten, was er versprochen, da ihn ja früher Niemand dazu gezwungen hat.« Wird ihm aber der Zwang zu eng, lernt er vielleicht gar die wahren Absichten seiner Bekehrer kennen und verstehen, und greift er in wieder frisch aufloderndem Kampfesmuth zu den Waffen, dann – schmettern Kartätschen und Büchsenkugeln den Rebellen zu Boden und die donnernden Schlünde der Kriegsschiffe, die seine leichten Schilfwohnungen von der Erde fegen oder entzünden, öffnen dem unglückseligen Wilden zum ersten Mal die Augen und zeigen ihm, was er bis jetzt noch gar nicht bemerkt zu haben schien, daß er Ketten an Händen und Füßen trage, und sogar in all seiner Verzweiflung und Noth nicht einmal mehr seinen alten Gott anrufen könne – weil er den verleugnet hatte.
Das bricht dem Armen gewöhnlich das Herz, denn damit ist ihm das Letzte, Heiligste vernichtet, und er wird jetzt, ohne weiteren großen Widerstand mehr, und worauf es ja im Anfang doch gleich abgesehen, der, nur dem Namen nach freie, Sclave seines Herrn.
Wie sehr dabei den Missionären gewöhnlich das Seelenheil ihrer Bekehrten am Herzen liegt – ich sage gewöhnlich, denn es giebt auch, Gott sei Dank, Ausnahmen von dieser Regel – geht ebenfalls aus den neuseeländischen Berichten hervor. Nach der Aukland Gazette beanspruchen nämlich die dort befindlichen fünf und zwanzig Mitglieder der Kirchenmissionsgesellschaft zusammen 196,840 Acker Landes, das sie für Kleinigkeiten gekauft und jetzt gewiß nicht um das ganze Seelenheil Neuseelands wieder herausgeben würden. Den Beweis hierzu haben ja auch wirklich die schon später geführten Kriege geliefert. Ebenso widersetzten sich jene Missionäre der Bildung anderer Gesellschaften, die besonders von Deutschen ausgingen und in denen sie, vielleicht nicht mit Unrecht, theils eine Ueberwachung ihres Treibens, theils vielleicht gar eine Concurrenz fürchteten.
Die neuseeländischen Wilden nun, die dem Treiben der Fremden im Anfang ganz ruhig zusahen, da sie erstlich den Rückhalt nicht kannten, den jene in ihrer Nation hatten, und in solcher Besitznahme von Land durch eine Handvoll Menschen auch natürlich nicht jene verderblichen Folgen ahnen konnten, die es für sie haben mußte, wenn sie weiter und weiter von ihrem Grund und Boden verdrängt wurden, fingen dennoch mit der Zeit an aufmerksam zu werden und zu begreifen, welche Motive jene fremden Männer bewogen haben konnten, ihr Vaterland zu verlassen und die eigene Religion ganz unbekannten Völkern zu predigen. Theils sahen sie selbst fremde Länder, denn als Matrosen oder größtentheils Harpunierer schifften sie sich häufig auf amerikanischen, englischen und französischen Wallfischfängern ein, theils wurden sie auch hier und da von Weißen selbst auf ihnen gefährlich werdende Uebelstände aufmerksam gemacht, und das letztere geschah nicht allein oft aus Privat-, sondern sogar nicht selten aus irgend einem Nationalinteresse, wie denn Aehnliches von den Engländern besonders ihren Erbfeinden den Franzosen zur Last gelegt wird.
Das Resultat blieb denn auch nicht aus; Heki, ein wackerer Häuptling der Neuseeländer – nach einigen englischen Blättern sogar ein geborener Ire, der als junger Matrose von seinem Schiffe desertirte – bot plötzlich den Europäern die Spitze, und widersetzte sich vorzüglich den Vermessungen des Landes, welche, wie er jetzt wohl einsehen lernte, seinem Volke den Boden Ackerweis entrissen und der fremden Regierung nur noch immer mehr angemaßte Rechte gaben. Der Haß gegen die Fremden stieg dabei immer höher, und ein Umstand besonders brachte das lang gedämpfte Feuer zum wilden, tobenden Ausbruch.
Die Tochter eines Häuptlings wurde – wie die Engländer behaupteten, aus Versehen – erschossen und das wilde Blut der neuseeländischen Krieger schäumte jetzt hoch auf; all die erduldete Schmach riefen sie in ihr Gedächtniß zurück, und der langverstummte Kriegsschrei der Stämme machte das Mark ihrer Feinde erbeben. Allerdings erzwangen sich endlich die Geschützstücke der Engländer Anerkennung, und zügelten wenigstens für den Augenblick den wild auflodernden Grimm der Wilden, im Inneren gährte es aber noch drohend fort, und wenn auch dann und wann die Häuptlinge Frieden sicherten und Freundschaftsversicherungen gaben, so war ihnen doch schon von den Feinden selbst gelehrt worden, wie man derlei Versprechungen zu halten habe, und trotzig erneuten sie das Blutvergießen immer aufs Neue wieder.
Das Resultat dieser Kämpfe ist freilich vorauszusehen; es wird hier werden, wie es in allen übrigen »wilden Ländern« war: einen Theil der Heiden civilisirt man, der andere muß untergehn, wollen sich aber gar keine dem milden Joch der christlichen Religion fügen, ja dann haben sie sich die Folgen freilich selber zuzuschreiben, und wie es früher den Guanchen der Canariden ging, wie es jetzt das Schicksal der australischen Wilden ist, so bleiben der Nachwelt nur noch die starren Ueberreste ihrer Gebeine, bei denen sich selbst die nimmer schonende Zeit milder zeigte, als das christliche Menschengeschlecht.
Der Zweck nun, der den »Kasuar« hier an Neuseelands Küste gerufen, stand ebenfalls mit diesen Verhältnissen in Verbindung. In Sidney selbst war nämlich vor nicht gar langer Zeit ein angeblich neuseeländischer Pflanzer eingetroffen, der an der Nordostküste der Insel bedeutende wilde Länderstrecken sein nannte, und auch einen, von dem Häuptling Heki selbst unterzeichneten Schein besaß – etwas, das bei Landbesitzungen äußerst selten geschah; – Ursachen jedoch, die er bis dahin geheimgehalten, nöthigten ihn, wie er sagte, zu augenblicklicher Rückkehr nach Europa, und er bot deßhalb jenen Schein einem bedeutenden Sidney Handelshaus, Bornholm, Bricks und Comp., gegen baare Zahlung einer höchst mäßigen Summe an. Die einzige Bedingung, die er dabei stellte, war die, daß er einen Schooner und zwei Begleiter bekäme, um mit diesen noch einmal nach Neuseeland zurückzukehren, wobei er denn auch jenen Beiden die Grenzen des Besitzthums und dessen Lage bezeichnen wollte, damit sie später, wenn einmal der Rechtsanspruch an dieses Land geltend gemacht würde, als Zeugen für den rechtlichen und gesetzlichen Kauf auftreten könnten.
Die Schrift des Dokumentes war, wie sich nicht verkennen ließ, ächt und der für das Land geforderte Preis stand mit dem jedesfallsigen Werthe desselben in gar keinem Verhältniß – es konnte ein solcher Ankauf daher als ein ausgezeichnetes Geschäft gelten; denn in Sidney wußten sie recht gut, daß die englische Regierung, sobald sie die störrischen Häuptlinge nur erst einmal gebändigt, jedes Recht ihrer Unterthanen gewiß auf das kräftigste vertreten würde. Nur mit der Vermessung solcher Strecken hatte es, für jetzt wenigstens, unüberwindliche Schwierigkeiten. Die Eingeborenen widersetzten sich jeder Schätzung ihres Landes auf das Bestimmteste, und übten, wenn diese doch einmal versucht wurde und sie die Schuldigen ertappten, fürchterliches Strafgericht, wobei sogar nicht selten der alte heidnische und keineswegs abgeschaffte Kanibalismus wieder ins Leben trat. Reisende brauchten dagegen, besonders an der Küste, kaum um ihre Sicherheit besorgt zu sein, denn Heki hatte sogar seinen Untergebenen auf das strengste eingeschärft, Fremde nicht unnöthig zu reizen und jedes Blutvergießen zu vermeiden; die aber mit Aufopferung ihrer letzten Kräfte zu bekämpfen und zu vernichten, die eines ihrer Rechte auch nur anzutasten wagten.
Der Vorschlag also, den Schooner hinüberzusenden und dort das Land, unter dem Vorwand einer Jagdexcursion, zu besichtigen schien dem Sidneyer Handlungshaus ebenfalls das einfachste und zweckmäßigste, obgleich es nicht begreifen konnte, welchen Plan Dumfry dabei haben mochte, daß er ihn förmlich zur Bedingung seines Kaufes machte. Es nahm aber auch deßhalb keinen Anstand, die Expedition selbst, so sehr es anging, zu beeilen, und drei Tage später schoß der Kasuar schon mit vollen geschwellten Segeln aus der Bai und ließ bald Neu-Hollands Küste weit, weit hinter sich.