Dumfry war übrigens bis jetzt weder in Sidney noch an Bord anders als in europäischer Tracht erschienen, und das Erstaunen seiner Reisegefährten ließ sich deßhalb leicht erklären, als sie ihn plötzlich, der neuseeländischen Küste so nahe, die Rolle eines Indianers übernehmen sahen. Er konnte die Maske aber keineswegs nur in Scherz oder Lust angelegt haben, denn sein ganzes Wesen kam ihnen fast noch finsterer vor, als es sich bis dahin gezeigt, und sein Blick haftete ernst und schweigend an dem schmalen vor ihnen ausgedehnten Küstenstreifen.
Capitän Tomson schien auch sehr geduldig den Beginn der versprochenen Mittheilung zu erwarten, denn er schaute ebenfalls, ohne auch nur die mindeste Neugierde zu verrathen, nach dem noch ziemlich entfernten Ufer hinüber, und nahm endlich seinen Kautabak heraus, von dem er einen förmlichen Mundvoll abbiß und langsam an zu verarbeiten fing; Van Broon dagegen, der ehrsame Geschäftsführer der Firma Bornholm, Bricks und Comp., hustete erst ein paar Mal, räusperte sich, und that alles Mögliche, um dem wunderlichen Manne seine Nähe, die er ganz vergessen zu haben schien, bemerklich zu machen. Es blieb aber jede Bemühung vergeblich; Dumfry war in eine seiner Träumereien gefallen und hörte und sah nicht mehr, bis denn endlich dem kleinen Van Broon der letzte Geduldsfaden riß und er seinen Nachbar mit einem mahnenden »Sir!« in die Seite stieß. Dumfry zuckte, dadurch wieder zu sich selbst gebracht, fast erschreckt empor, sammelte sich aber gleich wieder und sagte, ohne jedoch dabei den Blick auch nur einen Augenblick von seinem bisherigen Ziel zu verwenden:
»Gentlemen, es wird ihnen sonderbar erscheinen, daß ich jetzt, da wir uns den neuseeländischen Küsten nähern, die Landestracht jenes Volkes anlege.«
»Ei, wenn man unter den Wölfen ist, muß man mit ihnen heulen,« meinte Tomson trocken.
»Es hat einen anderen Grund« fuhr Dumfry fort und wandte sich dabei halb nach dem am Steuer lehnenden Matrosen hin, um auch überzeugt zu sein, daß sie von diesem nicht belauscht würden; der aber lehnte, allerdings an der ihnen nächsten Seite, aber den Rücken gegen die drei Männer gewandt, am Steuerrad, und hob nur manchmal schwerfällig, wie fast selbst zu dieser einzigen Körperbewegung zu faul, den Kopf gegen die Segel empor. Die Männer schien er gar nicht zu beachten. Dumfry mußte auch durch diesen Blick vollkommen befriedigt sein.
Der Matrose stand aber keineswegs so schläfrig da, als es vielleicht den Anschein haben mochte; im Gegentheil trugen seine Züge den Ausdruck aufmerksamer Spannung, und er rührte sich nur deßhalb nicht, um keines der leise gesprochenen Worte zu überhören. – Hätte Dumfry den stieren wachsamen Blick nur einen Moment beobachten können, er wäre nicht in der Nähe des Mannes stehen geblieben, so aber lehnte er sich langsam wieder über die Schanzung hinüber und fuhr fort:
»Sie wissen Beide, daß ich früher auf Neuseeland gewohnt, ja dort Grundeigenthum besaß, das mir von dem Häuptling selbst und durch seinen eigenen Landbrief gesichert, ungestörten, ruhigen Besitz versprach. Sogar die Kriege mit den Europäern schienen nichts Gefahrbringendes für mich zu haben, denn die Eingeborenen betrachteten mich als einen der ihren, während meine Landsleute nur Vortheil aus meiner Gegenwart zu ziehen hofften. Wenn aber auch Heki freundlich gegen mich gesinnt war und mir wiederholt seinen thätigsten Schutz versprach, mußte ich doch einigen der untergeordneteren Häuptlinge ein Dorn im Auge gewesen sein, denn die Streitigkeiten mit ihnen nahmen kein Ende. Ich fand auch bald, daß sie es in der That dahin zu bringen suchten, mich zu einer raschen unüberlegten Handlung zu treiben, und dann vollen Grund zu haben, über mich herzufallen. Lange widerstand ich allen ihren Ränken und entging glücklich den gelegten Schlingen, einmal aber, in trüber unseliger Stunde, wo mir all die erlittene Unbill, jede ertragene Schmach in tollen Bildern vor die Seele stieg, wurde ich meines Zornes nicht Herr, und – schlug den Einen meiner Feinde zu Boden.
Blut fordert nach den Gesetzen jener Stämme Blut, und mein Leben hätte von diesem Augenblick an Heki selbst nicht mehr schützen können. Ich wußte auch zu gut was mich bedrohte, und floh; unmöglich aber wäre es die Wuth zu beschreiben, mit welcher diese rachsüchtigen Kinder einer heißen Sonne meinen Fährten folgten. Selbst die Missionäre weigerten sich damals mir eine Freistatt zu gewähren, ja drohten sogar mich auszuliefern, wenn ich nicht ohne Zögern die Missionsgebäude verließe; sie wollten den Zorn der gereizten Wilden nicht auf ihre, bis dahin ungestörten Wohnungen lenken. Ein holländischer Schooner nahm mich noch endlich auf und entzog mich dadurch einem martervollen Tode.«
»Und nun wollen Sie in unserer Gesellschaft wieder dorthin zurückkehren?« frug da Van Broon, der dieser Mittheilung mit immer wachsendem Entsetzen gelauscht hatte, »Mann, sind Sie rein des Teufels? glauben Sie denn, daß man Sie dort nicht wieder kennen wird? – Und das verschweigt dieser unglückselige Mensch, bis wir dicht an der Küste sind; nun wird uns weiter gar nichts übrig bleiben, als geradezu umzukehren.«
»Die Gefahr ist keineswegs so groß als Sie denken,« flüsterte Dumfry, »sonst hätte ich mich selbst nicht wieder hierher gewagt. Um unentdeckt zu bleiben, legte ich neuseeländische Tracht an, denn unter dem Schutze des Tabu[9] bin ich im Stande, monatelang die Insel zu durchwandern, ohne von einem einzigen meiner Feinde erkannt zu werden. Sobald wir das feste Land betreten verhüllt diese Matte meinen Kopf, und keine Hand wird es wagen einen Schleier zu lüften, den ihr heiligstes Gesetz als unantastbar schützt.«