Lieber Vetter!

Glücklich sind wir vor etwa drei Wochen hier in Amerika angekommen, und ich befinde mich jetzt in dem Welttheil, der mich so lange Jahre hat nicht ruhig schlafen lassen. Manchmal ist es mir auch sonderbarer Weise noch immer wie ein Traum und es geschieht gar nicht selten, daß ich mich selber ganz erstaunt frage: »bist Du denn wirklich jetzt in Amerika?« Die Antwort fällt aber immer bejahend aus.

Ich erinnere mich noch recht gut der Zeit wo ich die Aushängeschilder der »Agenturen für Amerika« und das gewöhnlich darauf gemalte Schiff mit einer wahren Ehrfurcht betrachtete, daß ich dann immer so eine Art von – ich weiß selber nicht wie ich es nennen soll – von tragischem Schauer mir über die Haut rieseln fühlte; – jetzt ist das vorbei – die Seefahrt hat mich vollkommen von der Bewunderung für die Schiffe selber geheilt – denn das Zwischendeck ist ein grausenvoller Aufenthalt und das stete Neue meiner Umgebung trägt viel dazu bei, mich zu zerstreuen und gegen starke Eindrücke abzustumpfen. Ich muß aber auch gestehen, daß ich Amerika keineswegs so gefunden, wie ich es erwartete, und ich bin in mancher Hinsicht sehr enttäuscht worden – gebe Gott, daß ich mich geirrt habe. Jene lockenden Beschreibungen, die ich vor meiner Abreise gelesen, sind vielleicht, wie ich gestehen will, mit die Hauptursache, daß meine Erwartungen zu hoch angespannt wurden, dennoch muß ich Dir aufrichtig sagen, daß ich mir Manches, auch bei den geringsten Ansprüchen, besser wünsche. Die idyllischen Farmerwohnungen schrumpfen z. B. größtentheils in erbärmliche Blockhütten zusammen, durch die an allen vier Wänden der Wind hindurch zieht, das Vieh läuft zwar wild im Wald umher, aber jeder Schuft, der es nur schlau genug anzufangen weiß, kann auch Kühe und Pferde nach Belieben stehlen, und was die Schweinezucht anbetrifft, so hat die ihre ganz besonderen Schwierigkeiten, denn wenn die Sauen im Walde werfen, und man läuft nicht ewig dahinter her und lockt die kleine Brut, wie die Alte, mit Händen voll Mais, so werden sie wild wie die Hirsche und der Böse mag sie dann haschen, wenn er sie haben will. Auch das Land ist, wenn auch gut, doch schwer zu bearbeiten – die Bäume sind gar so stark und stehn zu dicht und die Stümpfe so draußen im Feld zu lassen, daß man mit dem Pflug zwischen lauter Holz und Wurzeln herumackert und Vieh und Menschen halb zu Tode schindet, das ist eine Wirthschaft, wie sie einem ordentlichen Oekonomen nicht zusagt. Der Dünger wird ebenfalls nicht beachtet und die liebe Gottes-Gabe bleibt wild zerstreut im Walde herum.

Auch mit der Viehzucht ist's schlecht, man weiß nie wo sein Vieh steckt, alle Augenblick hat Wolf oder Panther ein Stück und die Schaafe – na die wünscht ich, daß Du die einmal sehn könntest, wenn sie, die ganze Wolle eine einzige Klettenmasse, aus dem Walde kommen.

Und nun das Ungeziefer; Holzböcke und Moskitos oder Mücken fressen Einen bald auf – die Fliegen sind, besonders in kleinen Waldwiesen oder Prairieen, in solcher Unmasse vorhanden, ein Pferd förmlich zur Verzweiflung zu bringen und Wanzen – nun die Wanze stammt ja aus Amerika, und es braucht uns also nicht zu wundern, wenn wir sie hier heimisch finden.

Eines ist es aber noch besonders, was mir das hiesige Bauer- oder Farmerleben zuwider macht – die gänzliche Ungeselligkeit und Abgeschiedenheit. Anstatt die Häuser in Dörfern beisammen zu haben, liegen sie alle meilenweit von einander entfernt, im Wald, und wenn Einem wirklich einmal etwas zustößt, so ist auf schleunige Hülfe gar nicht zu hoffen – mir graust es wirklich, wenn ich an irgend eine Krankheit, die mich oder die Meinigen betreffen könnte denke, denn der einzige Arzt wohnt sieben englische Meilen von mir entfernt, und das schlimmste dabei ist, daß ich wünschen muß, er wohnte lieber siebenzig, denn ehe ich mich einem solchen Quacksalber in die Hände gebe, der seine Patienten mit Calomel füttert und hinopfert, sterbe ich lieber sanft an Kamillenthee und Glaubersalz.

Und mit den Leuten ist es erst eine fürchterliche Noth; Knechte und Mägde, was wir darunter verstehn, und wie sie doch zu einer ordentlichen Wirthschaft unumgänglich nöthig sind, kann ich gar nicht bekommen – die Leute wollen Alle wie die Herren behandelt sein und gehn und kommen wie es ihnen am besten gefällt. Auch ihre Ansprüche sind unverschämt und übertrieben – erstlich unverhältnißmäßigen Lohn, dann dreimal Fleisch den Tag und Kaffee und Zucker zum Frühstück, wie Thee oder Milch zum Abendbrod; und das genügt ihnen nicht einmal, wollte ich es ihnen dabei an einem besondern Tische geben und für mich mit meiner Familie allein essen, – thäte ich das, ich glaube ich setzte mich den größten Unannehmlichkeiten aus.

Nein, lieber Vetter, wenn Du meinem Rath folgst, so giebst Du Deinen Pacht nicht auf, sondern bleibst ruhig in Deutschland – sind auch die Abgaben dort wie andere Scherereien ziemlich bedeutend, so schützen uns doch auch die Gesetze wieder vor tausend Unannehmlichkeiten, denen wir hier ausgesetzt sind, und das gesellige Leben wiegt wieder viele Mängel auf – kann ich meine Farm vortheilhaft verkaufen, so komme ich auf jeden Fall wieder zurück und bei einem Glase Bier – o wie ich mich nach einem ordentlichen guten Krug Lagerbier sehne, – erzähl ich Dir dann, was ich hier Alles erlebt, und wie ich so nach und nach und Schritt für Schritt, in all meinen schönen Hoffnungen und Plänen enttäuscht wurde.

Daß das recht bald geschehen möge wünscht, mit seinen herzlichen Grüßen an Dich und die lieben Deinigen

Dein alter Freund und Vetter