Ich athme amerikanische Luft! Begreifst Du das, kalter, theilnahmloser Aktenmensch – Bücherwurm – Leichenbeschauer Du, der von Haus zu Haus kriecht, scheußliche Verwesung und Moder zu besichtigen und rings um sich her Gottes freie, herrliche Natur unbeachtet, unbewundert läßt? – Hier komme her – hier in die Freiheit athmende Welt, hierher in das schöne, wundervolle Land, und wenn Dir dann das Herz nicht aufgeht, wenn sich dann nicht Dein Geist wie die Lerche in duftiger Frühlingsluft wirbelnd und siegestrunken zu Gottes reinen Aetherräumen emporhebt, dann fließt Dir Dinte statt rothen warmen Blutes in den Adern und Dein Herz ist nur eine Urne mit Aktenstaub und Trübsal angefüllt.
Doch nein, so schlimm steht es noch nicht mit Dir und mit kurzen Worten will ich Dir deßhalb das Land meiner Ideale schildern; mit kurzen Worten sag' ich, denn wollte ich mich auch nur auf eine einfache Beschreibung einlassen, so reichten Bände nicht aus und dazu gestattet mir jetzt weder Herz noch Geist die Zeit.
Jeder Schritt hier, so lang ich das Ufer betreten, zeigt deutlich, wie wir glücklichen Auswanderer dem Schlendrian und Despotismus des alten Vaterlandes endlich enthoben sind – rege Geschäftigkeit füllt die Straßen – der edle Stolz – »ich bin ein freier Mann« – spricht schon aus dem Blick des Knaben, wie aus dem des erwachsenen Jünglings; keine Zeichen von Krone und Tyrannei beleidigen das Auge, indem sie uns an unsere Schmach der Knechtschaft erinnern – kein Bettler kriecht in seinem nackten Elend auf offener Straße umher und fleht um ein Almosen, damit er in seinen Ketten nicht auch noch verhungere – keine »königliche Constitution« lügt uns von Freiheit vor, während sie uns nur noch, indem sie uns einschläfert, weiter und weiter vom wahren Ziel der Freiheit entfernt. »Das Volk ist nicht reif,« schreien in Deutschland die Fanatiker der Ruhe – »es gehören auch Republikaner zu einer Republik und die haben wir noch nicht, die müssen wir erst heranbilden.« – Ausflüchte sind's – feige Angst vor der Krisis, die der Umgestaltung vorausgehen muß. Werden etwa die Deutschen, die nach Amerika auswandern, plötzlich auf dem Schiffe zu Republikanern, daß sie auf einmal reif und ausgebildet hier das Land betreten? oder sind das etwa keine Republikaner, diese Millionen von Deutschen und Iren, die – der Whigparthei so fürchterlich – der demokratischen Sache im freudigen Sturmlauf den Sieg gewinnen? Zum Teufel mit den seelenlosen Drahtpuppen, die von fürstlichen Händen gezogen, marionettenartig und nach »allerhöchstem Verlangen« bald den Arm und bald den Fuß heben oder mit dem Kopfe nicken und schütteln.
Noch war ich keine drei Tage hier an's Land gestiegen, als schon ein Amerikaner (ein mir wildfremder Mensch, dem es egal sein konnte, ob ich existirte oder nicht), zu mir kam und mich in sein Haus aufnahm. Uneigennützig – denn daß ich wirklich Vermögen hatte, konnte er nicht wissen – bot er mir in allen Stücken seine Hülfe an und übergab mir, dem Fremden, die Verwaltung einer ganzen Plantage – sieh, das ist ein Republikaner, das ist kein Mann aus einem Polizeistaat, wo jeder Staatsbürger schon pflichtschuldigst für einen Spitzbuben und Schuft gehalten wird – weise Du ein solches Beispiel in Deutschland auf?
Hier herrscht auch wahre Religionsfreiheit, um die in Deutschland, trotz dessen gerühmten Aufklärung, noch immer gestritten wird – die Schule ist von der Kirche frei – kein Pfaffe darf in die Erziehung der Kinder hineingreifen, und das junge Geschlecht blüht und keimt heran, eine Freude der Eltern, ein Stolz ihres herrlichen Vaterlandes.
Doch soll ich jetzt auch nur Stunden verlieren, indem ich hier sitze und dem Zauberlande den Rücken kehre, während ich es beschreibe? – nein – selbst Deinetwegen nicht, Theodor, der Du mir sonst das liebste Herz auf Gottes Erdboden bist. Aber komm hier herüber, Du Guter, komm hierher und schüttle den Staub von Deinen Schuhen, wenn Du dem morschen Regierungswerk des »alten Landes,« wie Europa hier mit Recht genannt wird, den Rücken kehrst – komm bald und freudig und mit herzlichem Gruß wird Dir dann die Arme entgegenbreiten Dein treuer Bruder
Carl von Horneck,
früher – Gott sei gedankt, daß ich sagen kann
früher – Assessor von Gottes Gnaden.
Zweiter Brief.
Aus dem Staat New York, am 10. März 1848.