Theuerer Scharffenstein!

Du wirst staunen, schon einen Brief von mir zu erhalten, denn Du am besten kennst wohl meine Schwäche in Allem was schreiben heißt – die Hand die gewöhnt ist den Degen zu führen, schreckt gewöhnlich vor der Feder zurück – doch ich fühle mich hier zu wohl, zu glücklich, um Dir nicht Theil an meiner Freude zu gönnen und jeder Tag deshalb, den ich an dieser Mittheilung verzögerte, schien mir ein Raub an Deiner Liebe.

Du weißt aus welchen Gründen ich Deutschland verließ – was half mir meine Stellung als Rittmeister – der Rittmeister verdiente nicht genug den Grafen standesgemäß leben zu lassen, und meine Lage wurde drückend. Ich muß Dir aber dennoch gestehn, daß ich mit nicht geringen Befürchtungen den Amerikanischen Boden betrat – es war eine Republik, und was konnte darin der arme Graf erwarten – hoffen? Schon der erste Blick, den ich in die ungeheuere Stadt New York that, bestärkte mich dabei in diesem Gefühl, und beengte mir Herz und Geist – kein Haus ohne ein Geschäft in den unteren Räumen, kein freier Raum zwischen Thüren und Fenstern, ohne Schilder, Anzeigen und riesige Namenszüge und Buchstaben. Hier – das ließ sich nicht verkennen – herrschte der Krämer, und der Graf konnte nur eine sehr untergeordnete Rolle spielen.

Oder sollte ich etwa als – Commis in eines dieser Geschäfte treten? – Dingen und feilschen, wiegen und messen, und mir mit »ehrlichem Fleiße« einen Platz in der menschlichen Gesellschaft mühsam erringen, daß ich endlich, nach Jahre langer Arbeit – auf gleicher Stufe mit den Krämerseelen stünde? – Bah, der Gedanke war demüthigend und odiös und trieb mir die Tropfen auf die Stirn.

Der erste Lichtblick, der mich in diesem Chaos meiner Gefühle traf, war eine vierspännige Kutsche mit galonnirtem Kutscher vorne und betreßten Bedienten – einen Weißen und einen Neger, hinten auf – ja auf dem Kutschenschlag sogar ein Wappen – leider konnte ich es nicht erkennen, denn sie rollte zu rasch an mir vorüber. Ich war wirklich erstaunt, das hier in einer der Hauptstädte der Republik zu finden, und Du wirst mein Erstaunen theilen, wenn ich Dir sage, daß ich in Zeit von einer Viertelstunde fünf oder sechs solche Wappenträger gesehn, doch mit lauter mir fremden Schilden.

Am nächsten Tag, als ich die Theile der Stadt durchzog, wohin meine Empfehlungen lauteten, betrat ich die Straßen die weniger kaufmännisch und schon mehr aristokratisch aussahen. Elegante Gebäude mit Marmortreppen, Mahagonithüren und vergoldeten Knöpfen – hie und da der Wollkopf eines schwarzen Portiers sichtbar. Dennoch betrat ich mit einer Art Beklemmung die erste Treppe – der Name John Broadfoot klang gar zu plebejisch und sein, wie seiner Gattin Anblick, strafte ihn leider nicht Lügen, obgleich sie Beide von Atlas und Gold strotzten – ich mußte wahrhaftig beim ersten Eintritt das Lachen verbeißen – Gott sei Dank, daß ich nicht herausplatzte.

Aber pompös eingerichtet waren die Leute, wahrhaft fürstlich, und Du weißt, meine Ansprüche in der Art sind nicht gering – nur etwas überladen, zu viel Gold und lichte Farben, zu wenig Schatten für die Masse blendender Strahlen. Von dem Augenblick an begann aber ein neues Leben für mich! ich flog aus einer Gesellschaft in die andere; Einladung folgte auf Einladung; ich wurde fetirt wie an keinem Orte Deutschlands oder Frankreichs und der deutsche Graf, der german count, scheint wirklich das Stadtgespräch geworden. Beim Himmel, Eugen, ich bin in dieser Republik eher wie ein Gott als ein Sterblicher behandelt worden, und wenn in Paris, wo, wie ich eben die Nachricht bekomme, das Königthum gestürzt sein soll, die Republikaner ebenfalls so rücksichtsvoll gegen Grafen sind, dann werd' ich künftig in Paris die Saison und in Amerika meinen Sommer verleben.

Doch lange mag ich nicht mehr der Mittelpunkt aller dieser Feste sein, ohne nicht bald selbst einmal etwas ähnliches zu veranstalten; dieser mir gezollte Weihrauch macht mich allerdings sehr stolz; ich bin aber auch wieder zu stolz, unerwiedert dergleichen fortwährend anzunehmen. Meine Casse befindet sich freilich in keinen übermäßig brillanten Umständen, soviel aber hält sie hoffentlich aus, denn ist mir wieder auf eine Zeitlang hier Bahn gebrochen und rückt der Sommer weiter hinein, nun so ziehe ich in die benachbarten Städte Philadelphia, Baltimore, Boston; ein Graf mit einem so wackeren Namen wie der meine, wird dort überall nicht allein willkommen geheißen, sondern wirklich ersehnt, da es, Gott sei Dank, mit zum guten Ton gehört, ihn unter seine »friends« zu zählen.

Also good bye, mein theuerer Scharffenstein, laß bald selbst einmal etwas von Dir hören und sei versichert, daß sich stets Deiner in alter Liebe und Freundschaft erinnern wird, Dein

Hugo,