Graf von Böllinghausen und Nistadt.
P. S. Solltest Du selber noch herüber kommen, so nimm auf dem Dampfschiff um Gotteswillen erste Cajüte. Man muß hier, in Amerika selber, allerdings mit manchem Plebs verkehren, weil sich das nicht gut vermeiden läßt, auf der See aber, und so frisch von der Heimath fort, ist es oft höchst fatal und widerwärtig.
Fünfter Brief.
Im Staat Ohio am 3ten März 1848.
Liebe Eltern und lieber Bruder!
Es freut mich Euch sagen zu können, daß es mir hier gesund und wohl geht. Ich habe nämlich die Seereise glücklich überstanden und wenn ich auch lange seekrank war, so bin ich doch jetzt wohl und gesund und es fehlt mir an meinem Körper gar Nichts. Was aber die Verhältnisse hier anbetrifft, so thut es mir leid, Euch gar nichts Bestimmtes und nichts Gutes über mich schreiben zu können, denn es geht mir bis jetzt noch hier herzlich schlecht – vielleicht wird's einmal später besser. Kommt aber ja nicht jetzt heraus, wie ihr es wolltet, liebe Eltern und lieber Bruder – es ist Alles nicht wahr, was uns Siebenhegers im vorigen Jahre geschrieben haben – und wenn es wahr ist, so ist es ganz anders, als wie es im Brief aussieht, und wie man es sich dennoch denken muß. Allerdings kann jeder gleich Meister werden wer will, und ich bin auch gar nicht faul gewesen wie ich hier nach Amerika kam. Ich nahm gleich mein Handwerkszeug, miethete mir einen Schop, wie sie's hier nennen und fing mit der Tischlerei an, aber lieber Gott, arbeiten hätt' ich schon gern gewollt, wenn ich nur was zu arbeiten gehabt hätte, und den theueren Miethzins mußt ich dabei bezahlen und das Borting, wie sie hier die Wirthshäuser nennen und da wurden die hundert Thaler, die ihr mir mitgegeben habt, liebe Eltern, immer weniger, bis ich zuletzt einsah, ich müßte endlich verhungern, wenn ich so sitzen bliebe und wartete auf Arbeit. Da gab ich mein Werkzeug an einen Freund zum Aufheben und ich selbst nahm den Rest von meinem Geld, 37 Dollar und 3 Schilling und ging nach Missuri.
Im Lande nun dacht ich könnt's mir gar nicht fehlen, denn in dem Brief stand ja, das Vieh liefe hier wild herum und koste beinah gar Nichts, und das Welschkorn brauchte man nur zu pflanzen, und Alles was man hätte könnte man gleich verkaufen an Butter, Milch, Mais und Wildhäute und das Haus helfen Einem die Nachbarn baun – das stand alles in dem Brief. Und wie ich nun hierherkam da hatt ich noch 20 Dollar und 75 Cent, denn das Reisen hier ist sehr billig, aber damit konnt ich doch keine Farm kaufen und Arbeit konnt ich auch nicht kriegen, denn hier brauchen sie lauter Leute, die recht gut mit der Axt umzugehn wissen, und daß wußte ich nicht, und mein Handwerkszeug hatt ich auch in Nujork gelassen und wie ich dorthin schrieb da sagte der Wirth in dem Bortinghaus dem ich es gegeben hatte, er wüßte nichts davon und ich war es los. Für 4 Dollar den Monat und die Kost boten sie mir in Anfang Arbeit an, aber ich wollte es nicht annehmen weil ich glaubte es wäre zu wenig, und ich verzehrte erst alle meine 20 Dollar und dann nahm ich Arbeit für 4 Dollar, weil ich doch nicht hungern wollte und ehrlich fortkommen wollte. Und ich bin auch ganz abgerissen an Kleider und ich fürchte mich neue zu kaufen, denn ich mochte nicht gerne Geld borgen. Ich bin bei Deutschen hier und muß fürchterlich arbeiten, aber ich thu es gern, denn ich verdiene doch wenigstens mein täglich Brod, aber sie sagen mir, Einer der kein Geld hat, der kann es zu gar nichts bringen und wenn ich fleißig bin, wollen sie mir in der Erndte 8 Dollar geben und ein neues Hemde. Ich muß auch viel Tischlerarbeit für sie machen und für andere Leute, wofür ich aber das Geld nicht kriege, meine Brodherrschaft verdient aber nichts dabei, denn die thut es auch sehr billig, mehr aus Gefälligkeit, weil sie auch wieder viel Gefälligkeit von den andern Leuten erhält.
Das sind nun die schönen Gedanken von 1 Dollar den Tag für Arbeit und immer mehr zu thun wie Einer thun könnte. Meine Brodherrschaft, die es sehr gut mit mir meint, sagt ich könnte mir gratuliren, daß ich bei ihnen wäre, denn viele Leute laufen brodlos rum. Und daß ist auch wahr, ich habe schon viele gesprochen, die gerade aus Deutschland kommen, und es geht ihnen sehr schlecht. Neulich war ein Mann bei mir aus Hessen Darmstadt – der hat geweint und gesagt seine Familie thäte in einer elenden Blockhütte am kalten Fieber liegen und er hätt keinen Groschen um Brod zu kaufen. Der Mann heißt Mülzer und ist auch ein Handwerker, aber ein Bäcker und die Leute backen sich hier alle selber ihr Brod und was anderes konnte er nicht werden, sagte er, weil er nichts anderes gelernt hat.
Doch adje liebe Eltern und lieber Bruder, vielleicht geht mir's noch einmal besser hier in Amerika und dann schreib ich Euch wieder, aber jetzt gehts noch nicht gut und darum grüßt Euch Euer getreuer Sohn und Bruder
Traugott Erdmann.