Carl von Horneck.
P. S. Eben wie ich schreibe, entsteht unten auf der Straße ein Scandal – die liebe Jugend hatte in tollem Muthwillen Stroh und Heu mitten in Sycamore street aufgehäuft und angebrannt, so daß aus den entfernteren Theilen der Stadt schon die Spritzen herbeikamen. Nein, was diese Amerikanische Jugend für eine Brut ist, davon kann sich, weiß es Gott, kein Ausländer einen Begriff machen.
Zweiter Brief.
Aus dem Staat Wisconsin am 14. August 1848.
Lieber Vetter!
Als ich Dir vor so und so viel Monaten vom Staat New York aus schrieb, da war mir's recht häßlich und trüb zu Sinn – Alles ging contrair, Alles war anders wie ich es mir gedacht, Alles anders wie ich es bis dahin gewohnt gewesen, und die ganze Welt sah mir deshalb schwarz und düster aus. Es ist auch wirklich gar ein böses Ding um die lockenden Beschreibungen, die uns alles mit überbunten Farben ausmalen; die Einbildungskraft thut dann auch noch das ihrige, und findet man nachher nicht wirklich auch jede Kleinigkeit wie man sie sich gedacht, so wird man mürrisch und fängt ohne weiteres an, am hellen Tage Gespenster zu sehn.
So war ich z. B. in Deutschland bequeme warme Häuser gewöhnt, und fand hier, im Verhältniß zu denen elende Hütten, dachte aber nicht daran, daß das ja jedes eigne Schuld ist, wer sich sein Haus nicht so wohnlich und behaglich einrichtet wie es ihm gefällt. Auch die Viehzucht stand mir nicht an; ja, da war mir vorerzählt, man brauche eine Sau nur in den Wald zu lassen und nach der gehörigen Zeit käme sie mit zehn, elf Ferkeln wieder zu Hause und die Ferkel kriegten wieder Ferkel und so fort, bis unabsehbare Heerden daraus würden. Ja lieber Gott, so bequem ist die Viehzucht nicht, aber sie bietet im Verhältniß zu Deutschland doch ungeheuere Erleichterungen, und wer da nur mit einigermaßen gemäßigten Ansprüchen herkommt, muß sie befriedigt finden.
Auch der Ackerbau ist den hiesigen Bedürfnissen vollkommen entsprechend, und die Cultur steigt, wie diese sich vermehren. Mit den wilden Thieren ists dabei eben nicht so arg, der Schaden den die thun, kann man ertragen und die Insekten, nun ja, das ist verwünschtes Zeug, und ich wollte der Böse holte den Schwarm und verwendete sie vielleicht auf irgend eine zweckmäßige Art im Fegefeuer – aber – es läßt sich eben ertragen – vollkommen ist kein Land.
Doch, Du willst in Deinem letzten Briefe wissen wie es mir geht und scheinst schon das Schlimmste zu fürchten – ich habe Dir durch mein Schreiben vielleicht Ursache dazu gegeben – doch sei nicht ängstlich, es ist nicht so gefährlich. – Im Staat Wisconsin, in der Nähe von Milwaudie habe ich mir, für einen nach deutschem Maasstab ungemein billigen Preis, eine recht hübsche Farm gekauft; auch den Keim zu einer heranwachsenden Viehzucht hab' ich gelegt, und Ställe gebaut, in denen meine Heerden im Winter Schutz gegen die Kälte finden. Die wild im Wald herumlaufenden Schweine machen dem Farmer allerdings oft viel Noth, wenn er nicht einen großen Theil derselben einbüßen will, doch mit ein wenig Fleiß läßt sich das Alles beseitigen, und meine deutschen Nachbarn versichern mich, sie kämen recht gut damit zu Stande. Auch das Ackern, über das ich mich im Anfange der vielen Wurzeln und Stümpfe wegen, so ärgerte, geht jetzt recht gut – man muß sich nur erst hineinfinden und nachher sieht man stets, daß eines jeden Landes Geräthschaften, Sitten und Kleider auch den Bedürfnissen und Eigenthümlichkeiten desselben am besten angepaßt sind und entsprechen. Für die schwere Arbeit des Urbarmachens der Waldstrecken und des Bischens Unbequemlichkeit beim Pflügen, entschädigt reichlich das herrliche fruchtbare Land – – wahrhaftig es wäre Verschwendung, wenn man das düngen wollte, und ich werde mich nicht auslachen lassen.
Allerdings ist das Leben hier nicht so gesellig wie in Deutschland, doch habe ich vortreffliche Nachbarn, und da kommen wir mit unseren Familien oft zusammen und sind dann stets recht vergnügt; und selbst das Verhältniß der Dienstleute, was mir im Anfang gar nicht behagen wollte, leuchtet mir jetzt als ganz vortrefflich ein. Die Leute werden von ihren Arbeitsgebern (nicht Arbeitsherrn, denn das Wort Master wird in dem Sinn nur von Sklavenhaltern gebraucht) eben so behandelt, als ob sie mit zur Familie gehörten und müssen deßhalb auch ihren freien Willen haben, aber nur so ist es auch möglich eine wirklich freie Generation zu erziehn, Republikaner zu bilden.