Hätt' ich gewußt, daß sich Alles bei Euch so rasch gestalten würde, so wär' ich doch lieber noch in Deutschland geblieben – Amerika hat viel vortreffliche Seiten, aber – es ist doch die Heimath nicht. Die Gesetze sind allerdings ausgezeichnet – die Amerikanische Constitution könnte jedem Lande der Welt zum Vorbild dienen und sein Glück sichern – aber sie sollte auch in jeder Beziehung nicht dem Wortlaut, sondern dem Sinn nach ausgeführt werden, wie es sich jene edlen Männer bei dem Entwurf derselben gedacht haben. Die Gesetze allein können aber ein Land nicht glücklich machen, wenn die Regierung nicht auch die Macht hat sie auszuüben, und ihnen Achtung zu verschaffen. Das Lynchgesetz giebt davon ein trauriges Beispiel, wo das Volk mit den Personen, die seiner Rache einmal, ob gerecht oder ungerecht, verfallen sind, angiebt was es ihm beliebt.

Der Amerikaner mag aber noch angehn hier, er ist zwar kalt und theilnahmlos, eine schändliche Geldaristokratie läßt Einen manchmal wahrhaftig ordentlich den Adel des alten Landes herbeiwünschen, und ewig auf kaufmännische List – ja oft auf wirkliche Betrügereien sinnend, versteckt er das hinter der Maske ekelhafter Bigotterie; doch ist er wirklich mit Leib und Seele Republikaner, seine Constitution geht ihm über Alles, und er würde für ihre Vertheidigung und Aufrechthaltung Leib und Leben einsetzen. Aber widerlich wurden mir hier die Deutschen, und ich muß leider gestehn, ich begreife unter dem Namen die große Mehrzahl derselben, die hier in die Republik hineingeschneit sind, sie wissen selbst nicht wie, und jetzt, zur Schmach und Schande ihrer Nation, den Partheien zum Spielball dienen. Es ist wahr, die meisten sind Demokraten, aber frag' sie warum? – sie wissen es nicht; unklar mit sich über die einfachen politischen Fragen des Landes, in dem sie leben, gehen sie mit dem Strom, und werden nicht selten in Masse von ein oder der anderen Parthei förmlich übergekauft. An eine knechtische Existenz in Deutschland dabei gewöhnt, sind sie im Anfang kriechend höflich gegen besser gekleidete, und lernen sie erst erkennen, daß sich hier Alle Menschen gleich sein sollen, so werden sie gegen Alle, die sie sich an Geist oder Vermögen überlegen glauben, grob und ungezogen, um ihnen nur ja zu beweisen, daß sie ihr Recht kennen, sich in Amerika eben so viel zu dünken, wie jeder Andere.

Theodor, Theodor, mir bangt, wenn ich in hiesigen Blättern von Euerem Streben in Deutschland nach Republik lese, und dann Exemplare der Leute hier um mich sehe, mit denen Ihr dort, in der ungeheueren Mehrzahl eine Republik gründen müßtet – es sind Elemente, trefflich geeignet zum Zerstören, zum Ansturm gegen einen hartnäckigen feindlichen Widerstand, aber zum Aufbau untüchtig, ja gefährlich. Ich habe in Illinois einen Prairiebrand gesehen, der nicht allein das trockene Gras verzehrte, das er verzehren sollte, sondern auch noch in unzähmbarer Wuth Fenzen, Farmhäuser, Scheunen und ganze Waldstrecken zerstörte und in Asche legte, und der Strecke, der er nützen sollte, unendlichen Schaden brachte. Es war das in einer Zeit, wo ich noch keine Nachricht über Euere deutschen Bewegungen hatte, und doch zuckte mir, wunderbarer Weise bei dem Brande der Gedanke an eine »deutsche Republik« durch die Seele.

Willst Du übrigens wissen, was der Amerikaner von den »deutschen Republikanern« hält, die in ihren deutschen Blättern hier immer von Freiheit und Selbstständigkeit, von deutscher Treue und Hochherzigkeit prahlen? – er braucht ihren Namen als Schimpfwort, und besonders ist das hier in Cincinnati, wo es viele Tausende von ihnen giebt, der Fall. Das Wort »dutchman« was Deutscher heißen soll, obgleich es ursprünglich einen Holländer bezeichnet, dient zum wirklichen Schimpfwort – »you shall call me a dutchman« Du sollst mich einen Deutschen nennen – ist die empörende Versicherung, die ich hier nur zu oft hören mußte »he fights like a dutchman« wird von Einem gesagt, der bei einer Aussicht auf Kampf die Flucht ergreift, und sich nur schlägt, wenn er in einer Ecke eingeklemmt ist. Black dutch ist ein Schimpfwort, das den Deutschen mit der verachtetsten Race, mit dem Neger, in eine Kategorie wirft. Doch genug davon, wenn ich sehe, wie meine Landsleute in dem Lande der Freiheit verachtet sind, verachtet von Republikanern doch –

»wollt' ich sie alle zusammenschmeißen

ich könnt' sie doch nicht – Lügner heißen.«

Zürne mir nicht, wenn meine Worte vielleicht etwas bitter klingen; mir ist's nicht gut gegangen seit ich dies Land betreten, und ich habe in mancher Hinsicht Unglück gehabt. Gleich im Anfang betrog mich ein Amerikaner, der mich anscheinend ganz freundschaftlich und uneigennützig aufnahm, um Alles, was ich besaß, indem er mich zum Kauf eines ganz werthlosen Gutes verleitete, auf das er noch nicht einmal gegründete Ansprüche hatte; ich fiel einem Advokaten in die Hände und sah mich nach wenigen Monaten arm wie eine Kirchenmaus in dem fremden Lande. Der englischen Sprache vollkommen mächtig, wollte ich mich dann mit literarischen Arbeiten beschäftigen. – Deutsche wie Amerikanische Zeitungen erwiesen sich auch gleich bereitwillig, meine Artikel abzudrucken, aber – an Honorar war nicht zu denken.

Als Advokat aufzutreten, wagte ich nicht – bei der Oeffentlichkeit und Mündlichkeit des Gerichtsverfahrens glaubte ich nicht der Aussprache und Rede so mächtig zu sein, einigermaßen mein Glück zu machen – wohl rieth man mir dagegen nur dreist und geradezu in der Medicin zu prakticiren, doch dazu besaß ich, bei meinen mittelmäßigen Fähigkeiten nicht Frechheit genug – was blieb mir übrig? – Handarbeit. Aber auch darin zeigten sich anscheinend unüberwindliche Schwierigkeiten – die meiste Arbeit, die hier verlangt wird, ist mit der Axt – mein Arm war darin ungeübt – was anders sollte ich ergreifen? so wurde ich denn – Du lächelst sicherlich wenn Du die Zeilen liest – Feuermann oder Heizer auf einem der Mississippi-Dampfboote.

Erlaß mir die Beschreibung dessen, was ich darauf erlitten, mit schmutzigen Negern mußte ich fast unmittelbar Mahl und Lager theilen, der rauhen Behandlung der Ingenieure ausgesetzt, auf die Willkühr des Capitäns angewiesen, der uns in New Orleans, eine halbe Stunde vorher ehe er abfuhr in kaum halbwerthigen Banknoten den sauer verdienten Lohn auszahlte. –

Ich ging allerdings wieder auf ein anderes Boot, wurde aber krank und liege nun jetzt hier in Cincinnati in einem erbärmlichen deutschen Boardinghause. Komm ich wieder zu Kräften, seh ich mich nach neuer Arbeit um, jedenfalls aber schreib mir recht bald, mein theuerer Theodor – Du glaubst nicht, wie ich mich nach einem Brief aus der theueren Heimath sehne. Es grüßt und küßt Dich tausendmal Dein