Fünfter Brief.
Staat Indiana am 1. August 1848.
Liebe Eltern und lieber Bruder.
Es freut mich recht herzlich Euch dießmal einen besseren Brief schreiben zu können, denn es geht mir lange nicht mehr so schlecht als damals, wie ich den letzten Brief an Euch schrieb. Soviel habe ich allerdings eingesehen, daß die vielen gewaltig schönen Beschreibungen von Amerika, die uns zu Hause das Maul wässrig gemacht haben nach all den guten Sachen, meistens nicht wahr, oder doch wenigstens so gestellt sind, daß man sich nicht recht hineinfindet, wenn man mit der Sache nicht recht vertraut ist, und sich nachher bei allem Schönen noch immer das Schönste dazu denkt. Und die Leute thun sehr Unrecht, die solche schönen Beschreibungen hinaus schreiben, aber ich weiß auch warum es geschieht, entweder schämen sie sich offen einzugestehn wie schlecht es ihnen geht, wo sie doch früher so geprahlt haben, oder sie sitzen auch, wie es mir hier die Leute gesagt haben, an so einsamen Plätzen und so in Noth, daß sie nur dadurch ihre Lage verbessern können, wenn sie noch recht viel andere Menschen auch dort hin ziehn.
Daß ich nun im Anfang um alles betrogen bin was ich hatte, das geht vielen Deutschen so und ich kann mich da mit vielen trösten, wer aber hier gesund ist und Lust hat zu schaffen, der kommt auch fort und wenn er eben so wenig hätte wie mir geblieben war. Aber zu keine Deutschen sollten die deutschen Handwerker gehn, wenn sie auswanderten, sondern immer zu Amerikaner. Die Deutschen sind erstlich auch nur herübergekommen um ihr Glück zu machen, und reich zu werden und die geben am wenigsten her, wenn sie's wirklich haben, und besonders an Deutsche, wo sie schon wissen daß die's zu Hause schlecht gewohnt sind. Und dann lernt man auch bei Deutschen nie im Leben die englische Sprache, die man doch als Handwerker so zu seinem Fortkommen braucht, und in deutsche Colonien muß man gewöhnlich was einzahlen, oder Land vorauskaufen wodurch man sich an die Stelle bindet, und nachher bleibt man gewöhnlich lieber sitzen, ehe man sein Bischen Eingezahltes im Stich läßt. Und die Deutschen sind auch nicht immer die besten; die bei denen ich arbeitete haben mich recht betrogen und sich viel Geld an mir verdient.
Endlich und nach und nach hab ichs aber gemerkt, und da bin ich zu Amerikanern gegangen und da hab ich viel besseren Lohn gekriegt und viel bessere Kost, und habe in kurzer Zeit englisch gelernt, so daß ich mich schon recht gut verständlich machen kann. Das klingt einmal komisch, liebe Eltern, das englisch, und im Anfang kams mir vor als ob die Leute die kauderwelschen Worte nur so Hals über Kopf heraussprudelten, daß kein Mensch einen Sinn hinein finden konnte, aber wie man sich ein Bischen dran gewöhnt, klingts ganz natürlich, und hat alles seinen Sinn, wie das Deutsche.
Was nun das betrifft, daß viele Menschen hier brodlos herumlaufen, und worüber Du Dich besonders in Deinem letzten Briefe wunderst lieber Vater, so hat das auch wohl seinen Grund. Es ist hier in Amerika gar keine Schande wenn einer umsattelt, und was anderes wird als was er draußen gelernt hat – hier arbeitet jeder was er gelernt hat, und wenn ein Schuster Kleider oder ein Schneider Schränke macht, so schadet das gar nichts, wenn er sie nur gut macht und Geld für seine Arbeit kriegen kann. Man muß sich auch nicht allein auf das setzen wozu man in Deutschland aufgezogen ist, und sonst gar nichts thun wollen, sonst kann man leicht brodlos werden. Ein armer Mann hat aber hier rechte Gelegenheit es zu was zu bringen und sein Auskommen zu haben, viel eher wie in Deutschland, denn wenn er nur ein klein Bischen fleißig ist, so kann er sich leicht was zurück legen, und wenn er nur einen ganz kleinen Anfang hat, so kann er es nachher leicht zu was bringen, denn die Amerikaner unterstützen recht gern arme Leute und die Nachbarn helfen ihnen wo das nur immer angeht. Und ein armer Mann, der in Deutschland recht viele Kinder hat, der kommt immer mehr in's Unglück, aber hier in Amerika, da ists gerade umgekehrt. Hier sind die Kinder ein Segen und helfen den Eltern auf, wenn sie alt und schwach werden. Ein armer Mann ist hier auch geachtet und es kommt nicht auf den Rock an den ich trage.
Das Land und Vieh ist hier alles sehr billig und gut und man kann mit ein weniges eine rechte hübsche Farm kaufen, denn Farm nennen sie hier ein Landgut, aber ein Deutscher, der hierherkommt, und der die Sitten und Gebräuche noch nicht kennt, der sollte sich doch ja nicht gleich ankaufen, denn dann muß er gewöhnlich aus eigener Tasche Lehrgeld zahlen und verliert vielleicht alles, was er mitgebracht hat. Am besten ists, er arbeitet erst eine ganze Zeit bei Amerikanern und lernt die Axt gebrauchen und den Amerikanischen Feldbau, denn der ist ganz verschieden von dem deutschen, und wenn er nachher ein oder zwei Jahre im Lande ist, dann kann er sich leicht ankaufen, und dann thun ihm 100 Dollar so gut, wie sonst vielleicht nicht 500, ehe er Lehrgeld bezahlt hatte. Ich arbeite noch immer bei den Amerikanern und ich befinde mich recht wohl, wenn ich aber erst ein kleines Gut habe, was gar nicht mehr so lange dauern kann, denn der Amerikaner hat mir versprochen, daß er mir helfen will, dann müßt ihr zu mir herüber kommen, liebe Eltern und lieber Bruder, und dann wollen wir hier recht vergnügt leben auf meinem eigenen Land.
Mit nächstem Jahr kann das vielleicht schon gehn aber ich will noch nichts vorher bestimmen, denn es thut einen nachher leid wenn so eine Freude zu Wasser wird. Und bis dahin grüßt Euch, liebe Eltern und lieber Bruder herzlich und von ganzer Seele
Euer Traugott Erdmann.