»Ach ja,« erwiederte der Mann, – »es ist viel billiger als voriges Jahr, – aber – wir sind hier gar viele Mägen.«
Das kleine Kind fing an zu schreien; die Mutter stand von ihrer Arbeit auf, nahm es in die Höhe und schaukelte es auf dem Arme, – in der Stube konnte sie nicht auf und ab mit ihm gehen, der Platz, wo sie stand, war der einzige freie Raum. Ich mochte den stillen Jammer nicht mehr länger ertragen, stand auf, legte etwas Geld auf den Tisch und wollte fort.
»Da – kauft Euch Brod,« sagte ich, – »es wird schon einmal eine bessere Zeit kommen.«
Der Mann sah überrascht das Geld an und griff nach meiner Hand; – bis dahin war keine Klage weiter, – keine Bitte um Unterstützung über seine Lippen gekommen, jetzt aber brach sich der gewaltsam zurückgehaltene Jammer Luft und die Thränen stürzten ihm aus den Augen.
»Wir haben seit gestern Mittag keinen Bissen gegessen,« flüsterte er, – »mein Bein ist offen und entzündet, aber ich war eben aus, Arbeit zu suchen um nur ein paar Groschen für Brod zu bekommen, vergebens –.«
Es war noch viel, viel, was er sagte und auch die Frauen fingen an zu weinen; – bis jetzt hatten sie sich vor dem Fremden gescheut, nun war das Eis gebrochen und ihr Schmerz ließ sich nicht länger zurückdämmen. Das Kind schrie auch mit hinein in diesen Jammer, aber die Mutter drückte es freudig an die Brust. –
»Sei ruhig mein Herzchen, Du bekommst jetzt Brod –.«
Ringsum steigen freundliche Berge empor, dunkelgrüne Waldesschatten schmiegen sich an die breitlehnigen Kuppen an, – weite, im sonnigen Lichte blitzende und funkelnde Schneeflächen decken die Halden und leichte durchsichtige Nebelwolken ziehen sich wie duftige Schleier am scharfen Abhang der Schluchten hin. Munter sprudelt der Bach dazwischen durch und das blaue ätherreine Firmament umschließt wie mit liebenden Armen das herrliche Land. Der Habicht streicht in langsam bedächtigen Kreisen über die Flur, – die Krähe sitzt gesättigt oben in den Zweigen des Apfelbaumes und wetzt an dem rauhen Aste den Schnabel – und der Mensch? –
Geht in die Hütten und seht wie sie zusammenkauern; hebt den Deckel von dem irdenen Topfe, der in der Röhre steht und einen widerlich dumpfigen Geruch verbreitet; – aus was besteht die Nahrung, die sich der Erzgebirger zusammengeknetet hat, sein und der Seinigen Leben zu fristen? Faule, kranke Kartoffeln zu Muß gedrückt und mit etwas schwarzem Mehl angerührt, – Salz hat er nur selten, – etwas Häringslauche muß dem Stoffe eine Art Geschmack geben, und will er verschwenderisch sein, so vertritt Lampenöl die Stelle des zu theuren Fettes. Und das sind Menschen, – denkende, fühlende Menschen, von Gott mit denselben Anrechten an dieses Leben ausgestattet, wie wir selbst, das sind Menschen, die hier rettungslos ihrem sicheren Verderben entgegengehen. Rettungslos, wenn nicht bald etwas geschieht, sie dem fürchterlichsten Elend zu entreißen.
Die Klöppelarbeit ist kaum noch im Stande ihr elendes Leben zu stiften, und in den englischen Spitzenmanufacturen ihnen ein Feind erstanden, mit dem sie den verzweifelten Kampf um die Existenz nur noch wenige Jahre werden bestehen können. Die Preise der Spitzen fallen wirklich jährlich, und es ist Thatsache, daß die Leute im Gebirge in diesem Jahr (1848), trotz des billigen Brodes, doch nicht mehr für ihre Arbeit bekamen, als das vorige. Die Leute vegetiren also dieses Jahr eben so wie das vorige; wie aber nun, wenn wiederum, was doch jeden Augenblick geschehen kann, eine neue Theuerung die Brodpreise hinauftreiben sollte? Die Arbeitspreise steigen nicht wieder, und die Klöppler sind dann einem Verderben nahe, dessen Ahnung schon jetzt ihr Herz mit Schrecken erfüllt.