Auch der Einwand kann keine Geltung finden, daß die Armen zu schwach und entkräftet wären und die schweren Arbeiten des dortigen Ackerbaues nicht aushalten würden. Die Erzgebirger, wenigstens ein großer Theil derselben, arbeiten hier auch in Wald und Feld und würden mit Freuden noch mehr arbeiten, wenn sich ihnen nur die Gelegenheit böte. Ist er aber auch schwach und entkräftet, so sind das nur ganz natürliche Folgen seines elenden Lebens, die sich mit einer Aenderung desselben ebenfalls ändern werden. Und gehört denn nicht wirklich eine Riesennatur dazu, eine solche Noth so lange Jahre hindurch zu ertragen? Ueberdies sollen solche Uebersiedelten im Anfang, und ehe sie sich ganz erholt und gekräftigt hätten, aber auch gar keine so übermäßig anstrengenden Arbeiten verrichten, – sie sollen in den ersten Jahren nur so viel bauen, als sie zum einfachsten Leben, aber an gesunder nahrhafter Kost brauchen, und Gott weiß, sie brauchen wenig genug. Mit der Zeit mögen sie dann an Verbesserungen, an den Absatz ihrer Producte und an die Zukunft denken, dann werden sie auch im Stande sein, derartige Pläne nicht allein auszuführen, sondern auch fassen zu können – früher, wo ihnen die Kraft und Fähigkeit sowohl zum Einen wie zum Andern fehlt, haben sie das gar nicht nöthig.

Schafft sie nur erst hinüber, die Unglücklichen, gebt ihnen nur erst die Gelegenheit, sich emporzuraffen, wählt nur das rechte Mittel, sie zu Menschen zu machen, und sie werden Euch beweisen, was sie vermögen. – Heil und Segen wird dem Unternehmen folgen, aber mit Ernst muß es auch angegriffen werden, mit Lust und Liebe zur schönen That, und starke Opfer dürfen nicht gescheut werden, dann aber läßt sich auch wirkliche Hülfe, nicht eine bloße Galgenfrist bleichen Hungertodes erwarten, und der alte Krebsschaden, der jetzt an unserm schönen Sachsenlande zehrt und nagt, wird endlich einmal, so bald die kranken Theile herausgeschnitten sind, heilen und gesunden.

Mir war von all dem Elend so weh geworden, daß ich kaum weiß, wie ich diese Hütte verließ, und doch fand ich in vielen andern, die ich an diesem Morgen noch besuchte, immer nur dasselbe Leid, denselben Jammer, der wie ein düsteres Trauertuch das ganze Land bedeckte. Und doch leben diese Menschen noch – wo nur noch eine Aussicht auf Existenz blieb, da schien auch die Hoffnung nicht ganz erstorben zu sein – sie kannten den Umfang ihres Elendes selbst zu wenig, und eine Voraussicht auf die Zukunft haben diese Menschen nicht, sie sind wie unmündige Kinder und müssen auch wie solche geführt werden. – An den meisten Orten war aber der Jammer doch schon so groß und nachhaltig gewesen, daß sie auf meine Fragen, ob sie denn die Gebirge verlassen würden, wenn sich ihnen eine Aussicht böte, mit thränenden Augen und wie schon früher antworteten:

»Ja – ach Gott, ja – nur nicht verhungern!«

Und auch ich rufe das: – Fort mit den Unglücklichen – fort mit ihnen nach einem Orte, wo sie nicht verhungern. – Was nützen die Palliativmittel, mit denen wir uns vorlügen, wir hätten eine Noth gelindert, einen Schmerz gestillt? Der flüchtige Moment war es, den wir beschwichtigten, und der nicht einmal, denn in dem nämlichen Athemzug erwacht auch schon die Angst für die nächste Stunde. Ernste, durchgreifende That muß hier reifen und schnell reifen, wenn nicht die nächsten Jahre schon auf ein Elend herabsehen sollen, wie es uns aus den Bergen Oberschlesiens in scheußlichem Hohn entgegengrinste – mit dem Angstgeschrei der Sterbenden mischt sich dann ihr Fluch und die Verantwortung dann wäre fürchterlich.

Doch genug von all diesem entsetzlichen Jammer – mir schnürte er die Brust zusammen, und ich floh, so schnell ich konnte, zurück in's flache Land. –

Die Otter-Jagd.

Die Zeiten, die schönen Zeiten sind vorüber, wo der Mann noch auf männliche Art sein Vergnügen suchte; wo er mit Speer und Messer, mit Wurfgeschoß oder Büchse den Wald durchstreifte, den Bär im eigenen Lager angriff, und dem Eber auf schäumendem Rappen durch Dickicht und Unterholz folgte.

Die schönen Zeiten der edlen, männlichen Jagd sind vorbei; jetzt höchstens gehn die jungen Herren mit Jagdfrack nach neuestem Schnitt, und sauberen, eng anschließenden Kamaschen, die Hände in einem Muff, den Hals dicht und warm in wollene Shawls eingeschlagen, hinaus und stellen sich an (und Gott weiß es, wie sie sich manchmal dazu anstellen). Die Bauern müssen ihnen dann das arme, unglückliche, verrathene und verkaufte Wild herbeitreiben, und wenn kein Unglück passirt, das heißt, wenn der Hahn wirklich aufgezogen, oder die Sicherheit nicht vorgeschoben, oder die Flinte nicht verladen, oder das Zündhütchen nicht »schändlicher Weise« herabgefallen, oder die Brille verloren ist, der Gewehrriemen nicht »gerade als man zielen will« über dem Lauf liegt, oder der Schuß nicht nachbrennt, als man das Wild »so herrlich auf dem Korn hatte«, oder der Hase zu weit oder zu schnell läuft, oder wenn tausend andere Oder und unvorhergesehene Zufälle nicht dazwischen kommen und besonders das Haupt-Oder – ihnen keinen Strich durch die Rechnung macht, wenn sie nämlich nicht effectiv fehlen – dann schießen sie wohl ihr Häschen oder ihre unglückliche Ricke, die sie in der Eile, »weil sie nicht aus den Büschen heraus wollte«, für einen Bock angesehen haben.

Das nennen sie nachher Jagd.