Der Deutsche und sein Kind.
Aus dem Amerikanischen Leben.
Mit dem »gut gekupferten und schnellsegelnden Dreimaster Rose Bertram,« – wie die Anzeige im Hamburger Börsenblatt gelautet – das von dieser Stadt aus am 15. April 1839 nach New-Orleans in den Vereinigten Staaten von Nord-Amerika abging, war auch eine arme Familie, Vater, Mutter und zwei Kinder ausgewandert, um in dem Land ihrer Hoffnungen und Träume das zu finden, was ihnen die eigene Heimath nicht mehr im Stande war zu bieten – eine ruhige sorgenfreie Existenz, und eine gesicherte Zukunft.
Die Reise lief ziemlich glücklich ab, denn sobald sie nur erst einmal den englischen Canal hinter sich hatten und in ein südlicheres Klima kamen, zeigte auch der Himmel eine fast ununterbrochene Reine, so daß sie, mit einem ebenfalls ziemlich günstigen Wind, nach etwa achtwöchentlicher Fahrt, die sieben Mündungen des Mississippi im Golf von Mexiko erreichten und hier von dem Schleppboot Herkules, gegen die mächtige Strömung des Riesenflusses an, der »Königin des Südens« zugeführt wurden, wie die Republikaner ihre Hauptstadt New-Orleans nennen.
Unser Deutscher, Hermann Schwabe aus Baiern, staunte aber nicht wenig, als er in dem Amerika – das er sich bis dahin fast nur als eine einzige große Wildniß, mit Farmen, gedacht, eine Stadt fand, wie er sie in seinem ganzen Leben noch nicht gesehen. Häusermassen dehnten sich ohne erkennbares Ende am Ufer hin, das seinerseits wieder von einer ununterbrochenen Kette aller Arten Fahrzeuge eingefaßt und umschlossen wurde, während dort wieder Omnibus-Wägen und zahllose Güterkarren mit lebensgefährlicher Schnelle ein wildes geschäftiges Menschengedränge zu durchschneiden und zu theilen schienen.
Trotz dieser Menschenmasse aber, fühlte er sich recht verlassen und allein – kein einziges Gesicht war unter dem ganzen Schwarm der wogenden Menge, das er gekannt – keine Hand streckte sich ihm hier zum freundlichen Willkommen entgegen und Alle gingen kalt und theilnahmlos an ihm vorüber. Es machte einen recht wehmüthigen Eindruck auf ihn, einen Eindruck, der nicht beschrieben werden kann, der gefühlt sein will, und obgleich ihn das Drängen und Treiben der südlichen Stadt gar sehr ansprach, und Alles was ihn hier umgab, neu, fremdartig und deshalb interessant war, so eilte er doch soviel als möglich, wieder fortzukommen, und den Ort zu erreichen, wo er Freunde zu finden hoffte, ja wo er seine Verwandte wohnen hatte, auf deren Briefe er all sein kleines Eigenthum in Europa verkaufte, um mit dem daraus gelösten Geld einzig und allein die Ueberfahrt zu bezahlen.
Dieser Verwandte, ein weitläufiger Vetter von ihm, wohnte in Cincinnati am Ohio, und Schwabe mußte jetzt vor allen Dingen ein Dampfboot finden, das ihn, den Mississippi und Ohio hinauf, seinem neuen Ziele entgegen führte. Das war aber nicht schwer – in dieser Jahreszeit, vor dem Eintreffen des gelben Fiebers, laufen fast an jedem Tage fünf bis sechs Boote stromauf und zwei oder drei von diesen sind dabei gewiß für den Ohio bestimmt: bald hatte er denn auch – wenn gleich unter nicht geringen Schwierigkeiten, da er kein Wort Englisch verstand – seiner und der Seinigen Passage akkordirt und noch an dem nämlichen Nachmittag glitten die Auswanderer auf dem keuchenden mächtigen Boot stromauf, gegen die gelbe unheimliche rasch dahinströmende Fluth des »Vaters der Wasser« an.
Zwischen reizenden Plantagen schossen sie hin, deren graue Schindeldächer gar freundlich zwischen dichten, schattigen Orangenhainen und Granatbüschen hervorschimmerten, an breiten gewaltigen Zucker- und Baumwollenfeldern vorüber, wo unglückliche Sklavenschaaren den sengenden Strahlen der Sonne ausgesetzt und von Peitschenbewehrten Aufsehern überwacht, ihre lange Tagesarbeit verrichten.
Als sie weiter hinauf kamen, nahmen aber die offenen Plantagen mehr und mehr ab – der Wald, der bis dahin wohl mehre englische Meilen weit durch die urbar gemachten Felder zurückgedrängt wurde, näherte sich immer auffallender dem Ufer, und endlich, nach einzelnen waldigen Strecken besonders an der linken Seite, drängte er sich ganz dem Rande des Mississippi zu, und das graue wehende Moos hing in langen düstern Streifen von den weitgespreitzten Aesten herunter und schwankte und schaukelte in dem scharfen, stromaufstreichenden Luftzug. Aber auch dieses nahm nach und nach ab – flaches monotones Sumpfland, von riesigen Bäumen bestanden und nur hie und da von einem kleinen Städtchen oder einzeln liegenden Holzhaus unterbrochen, bildete die Scenerie beider Seiten des Flusses, bis endlich oben, von der Mündung des Ohio an, ihre Umgebung einen ganz anderen Charakter bekam und jetzt mit Hügeln und Bergen das klarere Wasser des »schönen Stroms« einschließend, die an Bord befindlichen Deutschen fast wieder in ihre Heimath, an die Gestade des vaterländischen Rheins zurückversetzten.
Schnell glitten sie an den reizenden Ufern vorüber; passirten vor Louisville – um die Stromschnellen zu umgehen, den durch Fels gehauenen Canal, und kamen am achten Tage nach ihrer Abfahrt, Nachmittags vier Uhr, in Cincinnati an.
Auch hier umgab sie wieder ein lebendiges, reges Treiben. Viele stattliche Dampfboote lagen an der Landung und schnelle Fährboote, mit kleinen rasch puffenden Maschinen glitten zwischen Newport und Covington an der Kentuckyseite und Cincinnati im Ohio hin und wieder. – Unmassen von Gütern lagen am Ufer aufgehäuft und die Mannschaften der verschiedenen Boote waren gar eifrig beschäftigt, die Fracht aus- oder einzuladen und ihre eigenen Fahrzeuge wieder in Stand zu setzen zu neuer Reise.