Der Deutsche konnte sich übrigens, so interessant ihm das auch zu jeder andern Zeit gewesen wäre, nicht lange bei der Betrachtung des ihn Umgebenden aufhalten, denn der Abend rückte heran und es mußte noch vorher für ein Obdach auf die Nacht gesorgt werden. Jetzt galt es daher vor allen Dingen, die Wohnung seines Verwandten zu finden, und dessen Adresse stand deutlich genug in dem erhaltenen Briefe angegeben.

»Fürchtegott Wagner, Kaffeehaus zur Stadt München, nordöstliche Ecke der siebenten und Sycamorestraße Nr. 41 Cincinnati Ohio.«

Das war nicht zu fehlen – der Brief hatte ihm überhaupt auf dem ganzen Weg zum Leitstern gedient, und er überflog auch jetzt noch einmal mit stiller Zufriedenheit die Zeilen.

»Komm nur nach Amerika,« stand darin, »Du glaubst gar nicht, wie schnell und geschwind es ein armer Teufel hier zu was bringen kann. Du weißt doch, daß ich fast mit gar Nichts von zu Hause wegging, und jetzt habe ich in Cincinnati, eine der größten Städte in ganz Amerika, ein Kaffeehaus, das sie hier coffeehouse nennen, alle Tage dreimal Fleisch, und bin mein eigener Herr. Und wie lange hat's gedauert, bis ich mir das Alles erarbeiten konnte – anderthalb Jahr – so lange hab' ich auf der Eisenbahn geschafft, mit 16 Dollar die Woche Lohn, und jetzt sitze ich ganz bequem in Cincinnati und thue gar nichts mehr.«

Wetter noch einmal, schon ein Kaffeehaus! dachte Schwabe, was muß der Mensch für ein Glück gehabt haben – wie lange müßte man sich da in Deutschland schinden und quälen, daß man nur erst eine Concession kriegt – Gott sei Dank, daß ich in Amerika bin, jetzt arbeite ich auch ein paar Jahre an der Eisenbahn, und dann mache ich's grade so. –

Mit dieser löblichen Ansicht war er vom Boot heruntergegangen, um einen Karrenführer zu finden, der ihm sein Gepäck an Ort und Stelle schaffen konnte; denn er beabsichtigte, bei seinem Vetter abzusteigen, da in einem Kaffeehause doch auch Raum für sie und ihre paar Kasten sein würde. Es bot sich ihm auch bald, und zwar ein Deutscher, an, der ihn leicht nach seiner ganzen Tracht und Manier für einen Landsmann erkannt hatte, lud seine Siebensachen auf, und während Schwabe mit seinem Jungen und seiner Frau, die das kleine Mädchen auf dem Arme trug, neben der sogenannten »Dray« hergingen, schlenderten sie langsam die berganlaufende Sycamorestraße, die neben der Mainstreet der Dampfbootlandung zumündete, hinauf. Schwabe, der sich natürlich nicht mit der als nordost bezeichneten Lage vertraut machen konnte, hatte auch schon von weitem, als sie nach und nach die vierte, fünfte und sechste Straße hinter sich gelassen, ein großes stattlich aussehendes Backsteinhaus im Auge, das ihm am ehesten dem Begriffe gleichzukommen schien, den er sich bis dahin im Geiste von einem amerikanischen Kaffeehause gemacht. Es konnte auch fast kein anderes Gebäude von den vier Eckhäusern sein, denn zwei von diesen waren Kaufläden und das dritte – Heiliger Gott – an dem kleinen, weißangestrichenen Breterverschlag klebte ein großes schwarzes Schild, auf dem mit weißen Buchstaben – wachte er denn oder träumte er? –

Coffeehouse zur Stadt München

stand. Die Buchstaben selber ließen gar keinen Zweifel – das halb Englische halb Deutsche gehörte einem Landsmann an und diese Breterbude war – das erwartete Asyl.

»Ist denn das hier das ganze Kaffeehaus?« – stammelte er fast unwillkürlich und ergriff den Arm des Karrenführers, als ob er durch das Aufhalten der Fracht auch sein Geschick verzögern könne. –

»Es trifft« – meinte der Andere trocken, und schien in dem Aeußeren des Gebäudes gar nichts Außerordentliches zu finden, – »hier ist der Ort – der Gentleman wird wohl zu Hause sein!« und mit dieser lakonischen Bemerkung ließ er die lange Peitsche um des Pferdes Ohren sausen, das, theils hierdurch, theils durch das gleich darauf ausgestoßene Tschü – Tschü – wo – ah! vor die fragliche Thüre einlenkte und mit einem plötzlichen Ruck dort Halt machte.