»Fremder Besuch!« rief der Draymann dann, und stieß die kleine niedere Pforte auf – »sollen die Sachen hier hereingeschafft werden?«

Schwabe stand noch immer, kaum eines Entschlusses fähig, auf der Straße und konnte die Augen nicht wegwenden von dem schwarzen Schild: Coffeehouse – das also war ein amerikanisches Kaffeehaus. Die Mutter drückte ihr Kind leise an sich, und es mochte ihr jetzt vielleicht zum ersten Mal eine Ahnung von dem dämmern, was aus ihren, bis dahin wild aufgebauten Plänen wohl etwa werden könne. In der Thür des Kaffeehauses erschien in diesem Augenblick Niemand anders, als der wirkliche Schreiber des so folgeschweren Briefes, und anstatt nun, – wie es Schwabe, seit er das wirkliche Kaffeehaus gesehen, gar nicht anders erwartet hatte – bestürzt und vernichtet dazustehn und vor Schaam jeden beliebigen Moment bereit zu sein in die Erde zu sinken, erkannte er kaum die Deutschen, als er ihnen froh erstaunt die Hände entgegenstreckte, dem Mann dann um den Hals fiel und ihn und seine Frau herzlich willkommen hieß. Schwaben blieb denn auch jetzt gar keine Zeit, weder seine Verwunderung noch seine Bestürzung auszudrücken, er sah sich nur gleich darauf mit Sack und Pack in das kleine enge Gemach hineingedrängt und hier auch noch so mit Fragen und Erkundigungen über die alte Heimath bestürmt, daß er endlich nur froh war, als er erst wieder einmal frei und ungehindert aufathmen konnte. Dann aber versäumte er auch weiter keine Zeit, in dem unansehnlichen Raum, der sie umgab, umher zu schauen, und die natürlichste Frage, die sich ihm jetzt aus vollster Seele auf die Lippe drängte war –

»Und das nennst Du ein Kaffeehaus?«

»Jawohl,« sagte der schon etwas amerikanisirte Vetter ganz unbefangen – »das ist hier so Sitte – wo der liebe Gott nur den Arm herausstreckt, da wird's gleich Kaffeehaus getauft, und wenn auch ein paar Gläser und Flaschen mit Doppelkümmel, Brandy und Whiskey hinter der Baar stehn – gerade wie's bei mir der Fall ist, denn ich habe auch nichts weiter. Das laßt Euch aber nicht kümmern, und daß Ihr große Rosinen im Topf gehabt, geht anderen Leuten auch nicht besser – damit kommen sie Alle von Deutschland herüber. Jetzt heißt's nun fleißig geschafft und gearbeitet, und die Hände gerührt, nachher macht sich das Uebrige von selbst.«

Wagner, der Kaffeewirth hatte ganz recht – es sieht Manches in Amerika, von Deutschland aus betrachtet, wie ein Kaffeehaus aus, und kommen wir nachher hin, so schreien wir – »Ach du lieber Gott – das sind ja lauter Lügen und Erfindungen – das waren Prahlereien und Märchen, das ist ja gar kein Kaffeehaus, das ist ja nur eine gewöhnliche Breterbude!« Für den Augenblick, und nach unseren Ansichten haben wir auch allerdings recht, sobald wir aber nur erst einmal dort eingerichtet sind, und den alten deutschen Staub aus den Augen geschüttelt haben, dann sehen wir die Sache von einer ganz anderen Seite an, und finden nun plötzlich, daß es doch wirklich ein Kaffeehaus ist, oder daß wir's wenigstens dazu machen dürfen und können, wenn wir nur den recht festen und kräftigen Willen haben, es auszuführen. Dann sehen wir ein, daß uns dort nicht, wie hier, die Hände gebunden sind zu freier That und lernen uns gern und freudig in das fügen, was uns im Anfang, als die Kruste und äußere Schale des Ganzen so herb und bitter, so hart und unverdaulich geschienen.

Es ist das aber nicht allein mit den Kaffeehäusern so, nein fast durchgängig mit all' den dortigen Verhältnissen und Einrichtungen; gewöhnlich werden übertriebene Berichte hierher geschickt, oder wenn auch nicht einmal übertriebene, doch wenigstens so gestellte, daß sie, wenn sie auch vielleicht buchstäblich wahr sind, der Einbildungskraft einen zu freien Spielraum, alles Gute und Vorzügliche ahnen lassen und die Fehler und Mängel dabei nicht andeuten. Der Deutsche und besonders der, in dessen Kopf die Auswanderung schon wirklich spukt, ist dann nur zu gern geneigt, sich Alles das was er hört, in den schönsten, buntesten Farben auszuschmücken und zu putzen und kommt er dann an Ort und Stelle und findet das Alles, was er sich vielleicht nur selbst hinzugedacht, nicht wirklich realisirt – was beiläufig gesagt, nie geschieht – so wird er muthlos und macht sich selbst und denen, die solche Berichte geschrieben, die bittersten Vorwürfe. Es ist schon gefährlich genug, wenn man die dort bevorstehenden Unannehmlichkeiten nur erwähnt, und nicht recht besonders heraushebt, denn in dem Falle springt der Lesende ebenfalls leicht darüber hin, und denkt – a bah, das sind Kleinigkeiten, die sich schon geben werden – sind auch vielleicht nicht einmal so schlimm wie man sich's hier denkt.

Deßhalb sollten es sich die, welche Berichte über Auswanderungen schreiben, zur besonderen Pflicht machen, Alles – auch das Kleinste und Unbedeutendste, was sie zum Nachtheil des sonst gepriesenen Landes wissen, nicht allein anzuführen, sondern sogar hervorzuheben, und lieber in dieser Hinsicht etwas übertreiben als zu wenig thun; die Phantasie der Auswanderungslustigen glättet doch die rauhen Kanten ab. Der Europäer wird dann nicht, oft gleich bei seinem ersten landen, zurückgeschreckt und gerade zu einer Zeit muthlos gemacht, wo er aller seiner Energie und Festigkeit am meisten bedarf. Das aber, weshalb Manche den Tadel verschweigen, weil sie wissen, daß alles dieß doch immer eigentlich nur Unannehmlichkeiten und keine wirklichen Fehler sind, sollte sie gerade im Gegentheil antreiben, ihn auszusprechen, denn Amerika bietet dem deutschen Auswanderer solche ungeheuere Vortheile, daß man getrost Alles das nennen und aufführen kann, was dem Land oder den Sitten jenes Welttheils zum Nachtheil gereicht, ohne befürchten zu müssen, den Ackerbauer, den eigentlichen Mann für Amerika, dadurch zu schrecken. – Bleiben nachher die geschniegelten und gebügelten Herrchen drüben in Europa, weil sie tausend Bequemlichkeiten nicht haben können, tausend Genüsse – was nämlich für sie Genüsse sind, entbehren, ei, so ist das auch nur wieder ein Vortheil für Amerika, denn derlei Gesellen, mit parfümirten Taschentüchern und wohlfrisirten Locken brauchen sie drüben nicht, die mögen hier ausharren, bis sie später einmal, mit dem alten Schlendrian selbst, zu Grunde gehn.

Doch ich komme ganz von meiner, dahin keineswegs hinauszielenden Erzählung ab und will lieber wieder so schnell als möglich in's »Kaffeehaus zur Stadt München« zurückkehren.

Hier saßen indessen die Deutschen ganz gemüthlich – nicht etwa bei einer Tasse Kaffee, denn der war nur Morgens zum Frühstück zu bekommen, sondern bei einem guten Glas Cincinnati-Bier zusammen und plauderten und besprachen ihre gegenseitigen Aussichten.

Wagner hatte allerdings in Allem, was er seinem Vetter geschrieben recht gehabt; durch eigener Hände Arbeit wußte er sich ein kleines Capital zu verdienen und that damit, was in allen Städten Amerikas, besonders aber in Cincinnati, die Deutschen nur zu oft thun, er errichtete einen Schenkstand – was dort nun einmal ohne seine Schuld Kaffeehaus genannt wird. Wohl war der Verdienst jetzt, der ungeheueren Concurrenz wegen, nicht mehr so besonders wie früher, er hatte aber doch zu leben, und konnte sogar, da er gerade auf seine eigene Bequemlichkeit sehr wenig verwandte, immer noch jährlich eine Kleinigkeit zurücklegen.