Was nun seine jetzige Wohnung betraf, die so beschränkt war, daß sie die ersten Nächte alle mit einander in einem Zimmer schlafen mußten, so dachte er gerade daran, ein größeres Lokal zu nehmen, wie auch sein Geschäft etwas mehr auszudehnen, und bot nun Schwaben und seiner Frau an, die erste Zeit bei ihm zu bleiben und ihm im Haus und im Geschäft bei allen vorkommenden Arbeiten mitzuhelfen. Dafür sollten sie Kost und Logis, und auch noch einen kleinen, freilich unbedeutenden Lohn erhalten. Wagner hatte darin aber auch ganz recht, daß sie nicht gleich hoffen dürften von vorn herein viel zu verdienen, denn sie begännen jetzt eine ganz neue Lauf- und Lebensbahn, und darin müsse nun Jeder einmal, es möge sein wer es wolle, sein Lehrgeld bezahlen.

Schwabe, der sich nach dem ersten traurigen Anblick des Hauses die Sache weit schlimmer gedacht, als sie sich wirklich jetzt herausstellte, war gern damit einverstanden und schon in den nächsten Tagen, wo ein Tischler kam und den Boden etwas mehr erweiterte, da Wagner seine Wohnung in dem dicht danebenliegenden Haus zu nehmen gedachte, begannen die verschiedenen, bei solchem Ausräumen nicht zu vermeidenden Arbeiten, denen sich auch beide Gatten mit gutem Willen unterzogen, und dadurch mit ihren Verwandten im besten Einverständniß blieben.


So vergingen wohl sechs Monate und nichts trübte die Freundschaft und das gute Vernehmen der Verwandten; das rege Schaffen und Treiben ließ ihnen keine Zeit, auf irgend etwas anderes als ihre Geschäfte zu denken; gar verschieden gestaltete sich die Sache aber, als der neue Schenkladen erst einmal ordentlich hergerichtet worden, und nun das gleichförmige ruhige Leben wieder begann, bei dem sich keineswegs soviel Arbeit herausstellte, Alle nun gleichmäßig beschäftigen zu können. Jetzt fielen zuerst, und zwar besonders zwischen den beiden Frauen kleine unangenehme Scenen vor und einzelne bittere Worte wurden gewechselt. Im Anfang ging man jedoch noch leicht darüber hin, eine Versöhnung ward entweder gar nicht für nöthig gehalten oder doch bald zu Stande gebracht, und der Gedanke auch, daß sie ihren Verwandten doch eigentlich manches verdankten, was sie suchen mußten wieder gut zu machen, hielt Schwaben's noch manche Woche in einer Stellung, die vielleicht weniger drückend für sie gewesen wäre, hätten sie sich nicht immer sagen müssen: »das sind Verwandte, und spielen jetzt die Herren, während wir die Knechte machen sollen.«

Schwabe bekleidete nämlich, während der, seinen Leichnam jetzt auf das Beste pflegende Wagner ruhig in den Ecken herumsaß und sein eigenes Bier trank, die Ausschenkerstelle, und war somit ein förmlicher »Barkeeber« geworden, die Frau aber, die auch noch nebenbei ihr zweijähriges Kind zu besorgen hatte, mußte waschen und bügeln, nähen und stricken, ausbessern und alle nur möglichen übrigen häuslichen Arbeiten verrichten, indeß Missis Wagner, wie sie sich nur zu gern nennen hörte, nur selten mit angriff und, was ihrer Base das peinlichste war, auch schon manchmal begann statt des früheren freundlichen Tones, das ganze Wesen einer Gebieterin anzunehmen.

Schwaben's wären schon lange fortgezogen und hätten ihr Glück allein, in dem weiten fremden Lande gesucht; es kommen ja so Viele glücklich durch, warum sollte es ihnen nicht ebenfalls gelingen? Eines nur hielt sie bis dahin noch immer von einem solchen Schritt zurück und bannte sie an die Stelle, wo sie anfingen, sich recht unbehaglich zu fühlen – ihr Kind – die kleine zweijährige Louise und die Zuneigung die Wagners Frau wirklich zu der Kleinen zu haben schien. Sie behandelte sie fast ganz wie ihr eigenes Kind, und die Mutter glaubte da schon manches ertragen zu müssen, wo es der armen Kleinen ja wieder zu Gute kam. Carl, ihr zehnjähriger Knabe machte ihnen weit weniger Sorge; der griff schon ordentlich mit zu, verdiente sich das Brod, das er aß, durch dausend kleine leichte Arbeiten die er verrichtete, oder Wege die er lief, und wäre ihnen auch, so sie wirklich selbstständig in das Leben hinaustraten, gewiß nicht zur Last geworden.

Auf solche Art waren sie etwa ein volles Jahr in dem Hause gewesen, das jetzt, da sich des Eigenthümers Geschäfte verbesserten, auch seinerseits einen etwas vornehmeren Titel annahm, und aus der einfachen »Stadt München« zu einem »city of München« avancirte. Aber gerade mit diesem zunehmenden Wohlstand wich auch der Friede immer mehr, der besonders in den letzten Monaten schon so schwankend und zweifelhaft geworden. Wagner's selbst mochten das fühlen und es konnte ihnen dabei auch nicht verborgen bleiben, was es eigentlich noch sei, das sie in der, ihnen peinlich werdenden Lage zurückhielt, und Missis Wagner hatte endlich wenig genug Takt, ihrer Base auf halbem Wege entgegenzukommen. Sie bot dieser nämlich eines Morgens an, ihr kleines Töchterchen, da sie selbst kinderlos sei, für sie aufzuziehn – heißt das natürlich, wenn Schwaben's überhaupt einmal fortziehen sollten – und so lange an Kindesstatt zu behalten, bis sie in bessere Umstände, und vielleicht zu eigener Selbstständigkeit gelangt, im Stande wären, sie wieder abzuholen.

Zwar konnte sich die Mutter nicht gleich dazu entschließen, das Kind, wenn auch wohl versorgt, doch gewissermaßen unter fremden Menschen zurückzulassen, endlich aber siegten die äußeren, keineswegs günstigen Umstände. Schwabe sprach mit seinem Vetter offen über das, was ihn drücke und hemme, dieser gab sich keine besondere Mühe ihn zurückzuhalten, und nach acht Tagen schon fuhren sie, vorher einen sehr wehmüthigen Abschied von dem Kinde nehmend, und dieses der Sorge seiner neuen Pflegeeltern auf das dringendste und wärmste an's Herz legend, auf dem Dampfboot »General Harrison«, den Ohio stromab, und dem Staate Louisiana zu, wo ihnen, von einem Deutschen, der sich kürzlich einige Zeit in Cincinnati aufgehalten, günstige Anerbieten gemacht waren.

Viele Jahre hindurch standen die Sachen, wie wir sie im letzten Abschnitt verließen. Schwabe fand in St. Francisville, einem kleinen Städtchen unfern vom Mississippi, der Ansiedlung von Pointe coupée gegenüber, gute und lohnende Arbeit; sein Sohn wuchs zu einem kräftigen Burschen heran, der ihn bald gar wacker unterstützen konnte, und durch die sparsame Sorglichkeit der Frau sah er, wie sich seine Lage mehr und mehr verbesserte und er zuletzt sogar darauf denken konnte, selber etwas anzufangen, um, ohne gerade immer zu arbeiten, durch die Welt zu kommen.

Seines Vetters Beispiel in Cincinnati mochte viel dazu beitragen ihn auf solche Gedanken zu bringen; die Zeiten schienen ebenfalls günstig, – Kaffeehäuser gab es in St. Francisville nur sehr wenige und so säumte er dann auch nicht lange und schaute bald darauf, wenn er auf der andern Seite der Straße an seinem eigenen kleinen Haus vorüber ging, mit ganz absonderlichem Vergnügen nach dem großen blauen Schild hinüber, das mit goldenen Buchstaben verkündete, wie Hermann Schwabe hier, nicht allein ein Kaffeehaus, sondern auch »kalte und warme Getränke, frische gebackene und marinirte Austern, Pfefferkuchen und Fleischpasteten,« und überdieß noch ein »Lager von ächten, in Boston verfertigten Schuhen und Stiefeln und Penitentiery Filzhüten« halte.