Was er mit eigener Hände Arbeit, und zwar mit harter, schwerer Arbeit begonnen, führte er mit Hülfe einer vorsichtigen aber richtigen Speculation weiter, und galt nach gar nicht so langer Zeit, für einen wenn auch nicht reichen, doch sicherlich wohlhabenden Bürger des kleinen Städtchens.
Jetzt erwachte aber auch in den Eltern der bis dahin oft gewaltsam unterdrückte Wunsch, ihr Kind, ihre kleine Louise wieder zu sich zu nehmen, von der sie nun schon eine entsetzlich lange Zeit nicht einmal etwas erfahren hatten.
Das Briefschreiben gehörte nämlich zu einer von Schwabes schwachen Seiten, er fällte lieber einen vier Fuß im Durchmesser haltenden Baum, als daß er eine einzige Seite bekritzelte; immer war es daher sein Entschluß gewesen, lieber gleich hinauf nach Cincinnati zu reisen und die Tochter dort selber abzuholen; dringende Geschäfte, wie eine plötzliche Krankheit seiner Frau, nöthigten ihn aber endlich, entweder seine beabsichtigte Reise noch aufzuschieben, oder wirklich zu schreiben. Wie aber war das Kind, unter lauter fremden Leuten glücklich nach St. Francisville zu bringen? – Durfte man wagen, es Einem der tollkühnen Dampfboots-Capitäne zu übergeben? Amerikanische Eltern hätten das augenblicklich gethan, aber die Deutschen waren zu ängstlich, und Schwabe fürchtete schon, er würde den so lange genährten Wunsch noch länger müssen unbefriedigt lassen, als sich ihm ganz unvermuthet ein treffliches Auskunftsmittel bot, das er und seine Frau auch mit dankbarer Freude ergriffen.
Ein junger Deutscher aus dem kaum eine Viertelstunde entfernten Bayou Sarah, reiste zufälliger Weise gerade in dieser Zeit nach Cincinnati, um dort indeß von Deutschland gekommene Verwandte zu treffen und nach Louisiana mit zu nehmen. Eine bessere Gelegenheit, Louise ihren Eltern wieder zuzuführen, ließ sich kaum denken; Schwabe setzte sich denn auch augenblicklich hin und brachte endlich mit vieler Noth und Mühe einen ziemlich ausführlichen Brief zu Stande, in welchem er seinen Vetter mit den eigenen, bis dahin erlebten Schicksalen bekannt machte, ihm für die treue Wahrung seines Kindes dankte, und ihn bat, dasselbe durch den Ueberbringer dieses, einen wackern, jungen Mann aus seiner Gegend und guten Freund von ihm selber, den sich herzlich nach ihm sehnenden Eltern zurückzuschicken.
Welbauer, wie der junge Mann hieß, ging mit dem nächsten, noch an demselben Abende in Bayou Sarah anlangenden Boot stromauf, und Schwabe erwartete nun in freudiger Ungeduld die Ankunft der, seit dreizehn Jahren von ihnen getrennten Tochter, denn so lange war es schon, daß sie Cincinnati verlassen und sich in Louisiana zuerst aufgehalten und später angesiedelt hatten. Vor dem Ablauf von wenigstens drei Wochen konnte Welbauer aber kaum wieder zurück sein, denn die Entfernung zu Wasser, zwischen Bayou Sarah und Cincinnati beträgt 1350 englische Meilen; die Eltern benutzten aber diese Zeit, ein kleines, freundliches Stübchen für das erwartete Kind herzurichten, damit es sich gleich vom Anfange an recht wohnlich und zufrieden im elterlichen Hause fühlen möge und schafften All und Jedes herbei, womit sie nur glauben durften, dem lieben, so lange elternlos gewesenen Kinde, eine Freude zu machen.
Die bestimmte Zeit war endlich verstrichen, Welbauer aber noch immer nicht zurückgekehrt; ja, noch eine vierte Woche verging sogar, ohne daß weder ein Brief noch eine andere Nachricht von dem so sehnlich Erwarteten eingetroffen wäre. Schwabe, der bis jetzt seine Frau immer nur gebeten hatte, Geduld zu haben, da man ja gar nicht wissen könne, was die Rückkehr des jungen Mannes vielleicht verzögert hätte, fing nun selber an, ängstlich zu werden, und lief des Tages zwei oder dreimal nach Bayou Sarah hinunter, um zu hören, was für Boote angekommen wären, und welche man, und woher man sie erwartete.
Endlich, in der fünften Woche traf der so heiß Ersehnte mit der »Diana« wieder ein, aber – Schwabe erschrack, als er ihn erblickte und wurde todtenbleich – allein war er – das Kind war nicht bei ihm und der zitternde Vater fürchtete schon das Schlimmste. Das, was ihm im Anfange das Herz mit so unendlichem Weh durchzuckt, erwies sich jedoch als unbegründet. Welbauer beruhigte ihn bald über das Befinden und Wohlergehen seiner Tochter – er hatte das junge Mädchen gesund und heiter angetroffen, sie war gar rasch in die Höhe geschossen, und sollte kräftig und blühend aussehen – das Uebrige aber verkündete ein Brief, den er – statt dem Kinde – als Antwort mitbrachte.
Schwabe ahnte jetzt fast, was das Schreiben enthielt – in letzter Zeit, als die Erwarteten immer und immer nicht kommen wollten, waren ihm so allerlei trübe und häßliche Gedanken durch den Sinn gefahren, die er sich ordentlich gefürchtet hatte seiner Frau mitzutheilen, weil er sie doch nicht mit nur bloßen vielleicht sogar unbegründeten Vermuthungen ängstigen wollte. Rasch erbrach er jetzt den Brief und sah hier seine schlimmen Besorgnisse bestätigt. Das Schreiben lautete also:
»Lieber Freund und Vetter« –
»Recht sehr hat es mich gefreut zu hören, daß es Dir wohl geht und Du Dir durch Arbeit und Sparsamkeit, wodurch man in Amerika nur allein zu etwas kommen kann, ein kleines Vermögen erworben hast. Uns geht es auch hier recht gut, und viel besser als damals, wo Du mich zuerst in dem kleinen Häuschen an der Ecke der Sykamore-Straße aufsuchtest. Ich bin jetzt auf dem Mittelmarkt – Du weißt ja schon, in der fünften Straße – gezogen, habe ein gutes Boardinghaus[9] errichtet, und mache sehr gute Geschäfte, habe aber auch sehr viel zu thun, und weiß kaum wie ich fertig werden soll.«