[9]: Ein Kosthaus, oder eine untergeordnete Art von Hotel.
»Was nun Deine Tochter Louise anbetrifft, so ist die recht gewachsen, und ein braves gutes Mädchen geworden, meine Frau hat sich aber so an sie gewöhnt, daß sie gar nicht daran denken kann, sich von ihr zu trennen. Seid deshalb auch nicht böse, daß ich Euch Euren Wunsch nicht erfülle und sie mitschicke. Eigentlich kannst Du es uns auch gar nicht verdenken. Sieh, wir haben bis jetzt blos die Noth und Sorge mit dem kleinen Kind gehabt und sollen es jetzt, da es groß geworden ist und anfängt, uns für alle die Mühe und Auslage zu belohnen, wieder herausgeben. Meine Frau hält es dabei wie ihre eigene Tochter. Wir lassen es noch immer in die Schule gehen und geben ihm eine ganz gute Erziehung. Was willst Du mehr? Aber trennen möchte sich meine Frau nicht wieder von dem Kinde und wir bitten Dich daher recht dringend es uns zu lassen.«
»Mit dem Wunsche, daß es Euch in St. Francisville Allen gut geht und Ihr manchmal unser gedenkt, unterschreibe ich mich als Dein
Dir treu ergebener Freund und Vetter
Fürchtegott Wagner.«
Mittelmarkt – nordwestliche Ecke von Walnut street.
Nachschrift. »Louise läßt schönstens grüßen und Euch Allen Glück und Gesundheit wünschen. Was kostet denn bei Euch die Butter – hier ist sie gestern auf zwei Bit gestiegen, das Schweinefleisch ist aber dafür noch billiger geworden als wie damals, wie Du hier warst.
Dein Vetter.«
Der Brief war verworren, der Inhalt desselben aber doch auch wieder einfach und deutlich genug, und Schwabe ging wohl eine halbe Stunde lang, wie vor dem Kopf geschlagen, an der Dampfbootlandung hin und her. – Sollte er das was hier mit klaren dürren Worten in dem Brief stand, seiner Frau mittheilen? – Aber wie konnte er es ihr auch verheimlichen, hätte sie am Ende nicht gar geglaubt es wäre ihrem Kinde irgend ein Unglück zugestoßen? Der Verdacht übrigens, den er gegen Wagner hegte, wurde von Welbauer noch bestätigt.
Dieser hatte sich nämlich, da er den Eltern doch versprochen, das Kind zu bringen und nun dort, wo er es am wenigsten vermuthete, so unverhofften Widerstand gefunden, nach den Verhältnissen und dem ganzen Leben und Treiben jener Leute genauer und näher erkundigt. Hier erfuhr er nun, daß sie allerdings die angenommene Tochter im Hause selbst sehr gut behandelten, aber keineswegs so viel in die Schule schickten, als Jener hier in dem Brief geschrieben; im Gegentheil mußte das arme Mädchen, wenn es auch keine schwere Arbeit zu thun hatte, von Morgens früh bis spät Abends auf dem Platze sein, während sich Missis Wagner fast ganz und gar von jeder Arbeit zurückgezogen habe, und nur allein die Dame spiele. Louise war ihnen dabei durch ihren unausgesetzten Fleiß von ungemeinem, ja unbezahlbarem Nutzen. Gaben sie das Mädchen heraus, so mußten sie jedenfalls eine fremde Haushälterin annehmen und diese nicht allein mit theuerem Gelde bezahlen, sondern ihr auch – etwas besonderes Gefährliches in Amerika, wo die Leute oft, Gott weiß woher, geschneit kommen – Alles und Jedes im Hause anvertrauen. Bei Louisen dagegen, die sich ihrer eigenen Mutter kaum noch erinnerte, ihren Pflegeeltern aber mit aller Liebe einer wirklichen Tochter anhing, hatten sie das Eine nicht nöthig, das Andere nicht zu fürchten, und es ließ sich daher voraussehen, wie sie unter diesen Umständen gewiß Alles thun würden, was in ihren Kräften stand, die Pflegetochter den vollen Ablauf der gesetzlichen Frist, also bis zu deren einundzwanzigstem Jahr bei sich zu behalten.