Gerichtlich konnte Schwabe, wie Wagner ebenfalls gut genug wußte, keine Schritte mit nur irgend einer Aussicht auf Erfolg thun, denn ein wirklicher Kontrakt war gar nicht abgeschlossen, und wenn es zur Klage kam, so wurde dem Verklagten entweder die vorerwähnte gesetzliche Frist zugestanden, oder der Kläger hätte eine Kostenberechnung zahlen müssen, die dieses eigene Mittel jedenfalls weit überstiegen haben würde. – – Der Frau übrigens ein Geheimniß daraus zu machen, ging nicht an, über kurz oder lang hätte sie es doch erfahren müssen, und gemeinschaftlich konnten sie auch besser berathen, welche Schritte jetzt am besten zu thun wären.
Er ging denn auch ohne weiters nach St. Francisville zurück, zeigte ihr erst den Brief und ließ sie dann später Alles das, was sie noch zu wissen wünschte, von Welbauer selber erfragen. Im Anfange war sie nun, als sie die Nachricht wie ein Schlag aus heiterem Himmel traf, außer sich, wollte ohne weiters »an die Gerichte gehen,« und meinte, kein Gesetz der Welt dürfe ihr solcher Art und widerrechtlich, das eigene Kind gewaltsam zurückhalten. Schwabe hatte durch einen dreizehnjährigen Aufenthalt in Amerika die Sitten und Gesetze des Landes aber so ziemlich kennen gelernt, und fürchtete nicht ohne Grund, durch eine Klage erstlich einmal sein gutes Geld einzubüßen, und dann nicht einmal etwas auszurichten.
»Selbst ist der Mann,« reifte endlich der Entschluß in ihm, »einen bloßen Brief können sie Dir leicht mit »Nein« beantworten, gehst Du aber als Vater, und forderst Dein eigenes Kind zurück, so werden sie es Dir, wenn sie es auch wirklich vor dem Gesetze dürften, doch nicht länger vorenthalten können.«
Jetzt hatte er gerade alle die Geschäfte, die ihm vor mehren Wochen noch eine Reise unmöglich gemacht, beendet, er entschloß sich also kurz, beruhigte seine Frau, der er fest versprach ihr Kind zu bringen, und wenn er es stehlen sollte, und rüstete sich fröhlich zur Fahrt nach Ohio.
»Sei gutes Muthes, Mutter,« lachte er dabei, als er sich zu der rasch beschlossenen Fahrt rüstete, »was ist's denn auch weiter! geben sie mir mein Kind nicht gutwillig, ei, so thue ich, als wenn ich mich in das Unabänderliche füge, verabrede mich aber heimlich mit Louisen, bringe sie auf ein Dampfboot und gehe förmlich mit ihr durch. Nachher mögen sie uns verfolgen oder gar verklagen, kein Gesetz wird einen Vater verdammen, daß er sein eigenes Kind gestohlen, wenn sie es ihm auch vorher nicht freiwillig zusprächen.«
Die wenigen Vorbereitungen waren bald getroffen, es galt ja hier auch nur eine kurze Fahrt und schnelle Rückkehr; nur etwas gab ihm die Mutter noch mit, das sie schon seit vielen Jahren für ihr Kind bestimmt, dessen Absendung sie aber bis jetzt noch immer verschoben hatte – ihr Bild. Ein junger deutscher Maler, der vor einigen Jahren mehre Monate lang bei ihnen gewohnt und dort krank geworden war, hatte aus Dankbarkeit für die treue Pflege der guten Leute, die Miniaturbilder der Beiden gemalt und ihnen zum Andenken zurückgelassen, und das ihre schickte jetzt die Mutter dem Kinde. Warum? wußte sie selber nicht, erwartete sie ja doch das Heißgeliebte in wenigen Tagen, dennoch trug sie dem Vater auf, die Ablieferung desselben ja nicht zu vergessen, und es war fast, als ob sie mit dem Bewußtsein, daß es bald in den Händen ihrer Louise sein werde, auch ruhiger würde, und der Zukunft gefaßter entgegensähe.
Schwabe schiffte sich auf dem nächsten, stromaufgehenden Dampfboote ein, ging mit diesem bis nach Kairo, der Mündung des Ohio, benutzte von hier aus ein anderes, das gerade Fracht für Pittsburg einnahm, und betrat neun Tage später die Stadt wieder, in der er vor vierzehn Jahren, ein armer heimathloser Auswanderer, gelandet war, und zuerst Schutz und Aufnahme gefunden hatte.
Sonderbarer Weise schlug und klopfte ihm aber jetzt das Herz so bang und ängstlich, als ob er irgend eine böse That begangen oder beabsichtige, und doch wollte er ja Nichts, gar Nichts auf der weiten Gotteswelt, als sein Kind, sein eigenes liebes Kind zurück in die Arme der Mutter führen. Das peinliche Gefühl wuchs sogar noch, als er den steilen Landungsplatz hinaufstieg, durch die Mainstraße ging und endlich links in den Mittelmarkt einbog – er mußte sogar ein paar Mal stehn bleiben und erst ordentlich wieder Athem holen.
Anders wurde es ihm freilich, als er die sonderbare Scheu endlich überwunden hatte, das, ihm durch den Brief und von Welbauer bezeichnete Haus betrat, und dort sein liebes, lang entbehrtes Kind sehen und in die Arme schließen konnte. Da kehrte der alte Muth zurück, frisch und frei schoß ihm das Blut wieder durch's Herz und ohne Rückhalt wollte er schon seinen Gefühlen, die ihm die Brust zu zersprengen drohten, Raum geben, als er merkte, wie ihm die Thränen in die Augen traten – sie liefen ihm hell und klar an den beiden braunen Wangen herunter und das – das brauchten die fremden Menschen nicht zu sehen, die von allen Seiten des Hauses herbeieilten und ihn jetzt umstanden. Er riß sich gewaltsam los, drückte seinen Hut, den er noch gar nicht abgelegt, fester in die Stirn und zog Wagner mit sich fort, in dessen Stube hinauf – er schämte sich, daß ihn die Leute sollten weinen sehn und hoffte sich später schon besser zusammen nehmen zu können.
Ein Gespräch mit Wagner allein, wie er es im Anfang gewünscht, sollte ihm aber nicht vergönnt werden, denn Missis Wagner, welche behauptete, dieß sei eine Sache, bei der sie selbst am meisten und innigsten betheiligt wäre, schloß sich ihnen gleich darauf an, und brach augenblicklich jede weitere und von Schwabe allerdings vorher beabsichtigte Einleitung dadurch ab, daß sie die Absicht seines Besuchs ohne Umstände beim Schopf erfaßte und an's Tageslicht zog.