Eines Theils war dieß nun gut, denn Schwabe hatte schon in aller Verlegenheit gar nicht gewußt, wie er am Besten beginnen solle, anderen Theils gab es ihm aber auch bald die keineswegs ermuthigende Ueberzeugung, daß hier, und dieser Frau gegenüber, ein gütlicher Vergleich unmöglich sein würde, denn Madame erklärte jetzt rund heraus, mit ihrer Bewilligung verließe das Mädchen ihr Haus nicht, und ohne ihre Bewilligung wäre noch weniger daran zu denken. Dabei gab sie dem armen Vater auch ohne die mindeste Schonung zu verstehn, wie freundlich er selbst und seine ganze Familie bei ihnen beherbergt worden, mit welcher Sorgfalt sie sich dann später selbst eines Kindes angenommen, von dem sie bis seit ganz kurzer Zeit, nur Sorge, Mühe und Auslagen, aber nicht den geringsten Nutzen gehabt. Jetzt dagegen, wo eben dieses Kind das Alter erreicht habe, in welchem sie hoffen durften, das zu erndten, was sie durch lange Zeit hinausgesäet, jetzt komme er, der Vater, der Jahre lang nicht einmal nach seinem Kinde gefragt, zurück und wolle es ohne weiteres abholen und mit sich fortnehmen. Daraus würde aber Nichts, so lange noch Recht und Gerechtigkeit im Lande existire, und so lange sie selber noch eine Zunge zum Reden und eine Hand es zu verhindern habe, sollte das nicht geschehen, dafür stehe sie; »Mister Schwabe müsse dann« wie sie mit beißendem Ton hinzufügte, »die Kleinigkeit von 3500 Dollar übrig haben, um aufgelaufenes Kost- und Schulgeld für seine Tochter zu bezahlen, dann möge er sie ihretwegen mitnehmen und wenn das Mädchen nachher wirklich ginge, wirklich die verließe, die ihr mehr als eine, wenigstens als ihre Mutter gewesen, so wolle sie denken, sie habe eben nur eine undankbare Natter an ihrem Busen genährt und müsse sich, ob ihr auch das Herz blute, darüber zufrieden geben.«
Was sagte aber die, um deren künftigen Aufenthalt, um deren glückliche oder unglückliche Zukunft vielleicht, es sich hier handelte, was sagte Louise zu alle dem? nach welcher Seite neigte sich ihr Herz und wie empfing sie den Vater, dessen Ankunft sie überraschte, ja erschreckte?
Was konnte das arme Mädchen sagen? – Von der Zeit an, wo sie ihre Mutter, ein kleines, keines Nachdenkens fähiges Kind zurückließ, war sie stets gewohnt gewesen, das Wagner'sche Haus als das elterliche – wenigstens als ihre Heimath – zu betrachten. Hier wurde sie auch heimisch, den wirklichen Eltern aber mehr und mehr entfremdet, je mehr die Erinnerung an frühere, einzelne Scenen in ihrem jugendlichen Herzen frischeren und lebendigeren Eindrücken Raum geben mußte. Selbst den Namen Mutter hatte sie vergessen, und nur manchmal, wenn sie ihn von andern Kindern hörte, zog es wie fernes liebliches Glockengeläute durch ihre Seele. – Das war die Erinnerung jener Zeit, wo sie den theuren Namen an dem Hals der eigenen Mutter selbst gelispelt, aber es war auch eben nur wie fernes Glockengeläut, und der Klang zu weich, zu unbestimmt, um ihm nähere, erkennbarere Formen geben zu können.
Wagner selbst hatte dabei in letzterer Zeit, und besonders seit Welbauers Besuch, nicht versäumt, das arme unwissende Kind, weniger mit klaren Worten wie mehr mit hingeworfenen und unbestimmten Aeußerungen ahnen zu lassen, daß dort, wohin man es holen wolle, eine keineswegs freudige Existenz seiner harre, denn nie würde es irgend ein Mensch wieder so lieb haben, wie man es hier, in seiner wirklichen und einzigen Heimath gehabt. Auch Missis Wagner schien seit der Zeit viel freundlicher und herzlicher mit Louisen zu werden, nannte sie oft Kind und Tochter, verbesserte die zwar einfache aber doch sonst reichliche und anständige Garderobe derselben und ließ ihr weit mehr Freiheit, als das bisher der Fall gewesen. Nichts destoweniger klopfte der Armen doch das Herz, als sie vernahm, ihr Vater wolle sie sehen – hatte sie denn nicht schon früher gehört, ihre Eltern verlangten sie zurück und war er denn nicht vielleicht gerade zu dem Zweck jetzt nach Cincinnati gekommen? Ihre Pulse flogen fieberhaft und eine Angst überkam sie, als ob irgend ein gewaltiges Unglück sie bedrohe, das sie nahen sehe, dem sie aber nicht entgehen könne.
Schwabe verließ indessen, nach seiner Zusammenkunft mit Wagners, sehr betrübt und niedergeschlagen ihr Haus, schlenderte langsam den Mittelmarkt hinauf, der katholischen Kirche zu, und dachte mit recht schwerem Herzen an die letzten Worte der gereitzten Frau Base – »daß sie Louisen wie eine Natter betrachten werde, die sie in ihrem Busen genährt –« Undankbar – der Vorwurf schnitt ihm tief, tief in die ehrliche Seele und langsam, die Augen fest auf die Trottoirs geheftet, wanderte er die breite, sonnige Straße entlang.
»Halloh, Schwabe – so wahr ich lebe – und in tiefen Gedanken?« rief ihn da plötzlich eine laute fröhliche Stimme an, »bist doch nicht etwa Bankdirector geworden, daß Du so grimmige Gesichter schneid'st, calculirst und Deine alten Freunde nicht mehr kennst?«
Schwabe sah rasch auf und erkannte, ebenfalls zu seinem freudigen Erstaunen einen alten Bekannten und Schiffsgefährten, der mit ihm von Deutschland ausgewandert und nach Cincinnati gefahren, dort aber, anstatt wie Schwabe nach Louisiana zurückzukehren, die ganze lange Zeit geblieben war, hier eine Brauerei errichtet hatte und sich nun gar wohl befand und glücklich fühlte. Er stand gerade in der Thür der Rehfußischen Apotheke und streckte dem überrascht vor ihm stehen Bleibenden mit herzlichen Worten die Hand entgegen.
»Aber nun sage nur einmal, Alterchen,« frug er den Niedergeschlagenen, als die ersten Begrüßungen gewechselt und er den Arm desselben in den seinigen gezogen. »Du siehst ja gerade so aus, als ob Dir die Petersilie verhagelt, oder sonst ein entsetzliches Unglück passirt wäre – was giebt's, was hast Du und wo willst Du jetzt hin?«
»Nirgends hin,« meinte Schwabe, »ich schlenderte nur hier in Gedanken fort – was es aber –«
»Dann kehren wir auch augenblicklich wieder um!« rief der Brauer, und schwenkte ohne weiters um. – »Da draußen haben wir Nichts zu suchen, und meine Brauerei und Bierstube liegt hier drinnen, dort mußt Du beichten, mein Bursche, und wenn das Uebel nicht gar so tief sitzt, so werden wir schon Rath schaffen.«