Schwabe, dem es überdieß lieb war, seinen trüben Gedanken sowohl auf kurze Zeit entrissen zu werden, wie auch Jemanden zu haben, gegen den er einmal unverholen sein Herz ausschütten konnte, lenkte willig mit ihm ein und erzählte nun dem neugefundenen Freunde, in dessen Haus sie endlich angelangt waren, umständlich seine ganze Geschichte, die Verbindlichkeiten, die er Wagnern schulde, dessen jetzige Meinung, und die Verzweiflung, in der seine Frau sein werde, wenn er ohne dem Kinde zurückkehre.
Der Brauer hörte ihm, den Kopf in beide, auf den Tisch gestemmte Arme gestützt, aufmerksam zu, unterbrach ihn nicht ein einziges Mal, und that nur manchmal lange, mächtige Züge aus dem vor ihm stehenden riesigen Blechmaaß, das an die alten deutschen Humpen erinnerte, dann aber, als Jener geendet und nur noch das erwähnte, wie ihn der Vorwurf, undankbar zu sein, so wehe thue und ihn ganz unschlüssig mache, was er thun oder lassen solle, da schlug der Brauer so kräftig auf den Tisch, daß die Fensterscheiben erschreckt zusammenklirrten und rief: der Wagner sei ein Lump, das wolle er ihm schriftlich geben, ihm aber werde er jetzt beweisen, daß, wenn Jemand wirklich dankbar zu sein hätte, es Niemand Anderer als in der That nur Wagner selbst sein müsse, der an dem Mädchen die langen Jahre hindurch einen wahren Schatz besessen.
Und nun theilte er dem mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zuhörenden Vater mit, was das Kind seit seinem achten Jahre, also jetzt schon beinahe ein Zeitraum von wieder achten, gethan und gearbeitet, wie es seit dem eilften Jahre die Wirthschaft dort fast ganz allein geführt und bei dem Allen fast in keine Schule gekommen, sondern immer nur zu Haus behalten sei, um der sogenannten Missis Bequemlichkeit nicht zu stören und zu unterbrechen. Dabei habe sie, als diese vor drei Jahren am Tode mit dem wüthendsten Nervenfieber gelegen, wochen- und monatelang Tag und Nacht an ihrem Bette gewacht, erst im vorigen Jahre wieder eine gleich langwierige, wenn auch weniger gefährliche Krankheit bei ihr ausgehalten und überhaupt das, was Jene vielleicht an ihr gethan, als sie noch ein kleines Kind war und nicht arbeiten konnte, reichlich, ja im Uebermaße vergütet. Wenn also Jemand zur Dankbarkeit verpflichtet sein sollte, so wären es Wagner's selber, und daß sie damals das kleine Kind zu sich genommen, ei, das hätten sie auch eher aus Eigennutz, als aus Menschlichkeit gethan, denn selbst kinderlos freuten sie sich des kleinen, muntern Wesens, während es den Eltern wehe genug that, es zurückzulassen.
»Das Uebrige Alles bei Seite,« fuhr der Brauer plötzlich in seinen Trostworten fort, und etwas leiser redend, bog er sich, die Hände herunternehmend, näher zu dem Freund hinüber, »so giebt es doch noch einen Grund, über den wir hier in der Stadt, wenn's uns auch nichts anging, schon oft gesprochen, und der allein hinreichend wäre, es Euch, Schwabe, sogar zur Pflicht zu machen, Euer Kind mit fortzunehmen.«
Schwabe horchte hoch auf, Jener aber, die Stimme zu einem Flüstern herunterdrückend, sagte:
»Wenn ich Vater wäre, so nähme ich mein Kind, und besonders ein Mädchen, heute noch mit mir fort, das in dem Hause nichts Gutes lernen kann. Wovon ist Wagner so rasch und plötzlich ein wohlhabender Mann geworden? Von seinem Schenkstande etwa? – Das soll mir Keiner weiß machen; nein, von der heimlichen Spielhölle, die er in seinem Hause, klug genug, so versteckt hält, daß ihm die Gerichte, obgleich sie schon dreimal, und zwar ganz unerwartete Nachsuche gehalten, doch nicht auf die Spur kommen können. Das arme Mädchen nun, da er keinem fremden Barkeeper das Geheimniß anvertrauen kann, muß fast jede Nacht bis ein oder zwei Uhr bei diesen rohen Gesellen aufsitzen, und wenn auch Wagner ebenfalls im Zimmer bleibt, so hört sie doch dort – denn wie könnte sie's verhindern – all die gemeinen wüsten Reden einer Menschenklasse, die sich in der Leidenschaft des Spiels noch unter das Thier erniedrigen. Das arme Kind, seit langen Jahren daran gewöhnt, weiß das nun freilich nicht besser; wäre ich aber Vater, mir bliebe sie keine Stunde länger in dem Hause.«
»Aber lieber, bester Freund!« sagte Schwabe, hierdurch einestheils von der ersten Besorgniß erlöst, aber dann auch wieder mit einer neuen, fast noch schwereren auf der Seele – »wie will ich sie fortbekommen? Fordere ich sie dem Manne durch das Gesetz ab, so macht er mir nachher eine Kostenberechnung, die ich nach dem, was ich schon von der Frau gehört, gar nicht im Stande wäre zu bezahlen.«
»Nein, dahin darfs nicht kommen!« entgegnete rasch der Brauer, »wenigstens müßtet Ihr erst den Hauptvortheil vorne weg zu gewinnen suchen, und das ist – das Recht des Besitzes, in dem sich Wagner jetzt befindet. Wer eine Sache einmal wirklich hat, dem ist sie hier in Amerika verdammt schwer aus den Zähnen zu reißen, selbst wenn er noch weniger anscheinendes Recht darauf hätte, als Wagner hier in diesem Falle; verhielt sich aber die Sache umgekehrt, wäre die Tochter bei Euch, und wollte sie Wagner nun wieder haben, oder die Entschädigungssumme ausgezahlt bekommen, dann müßte er klagen und Ihr, in St. Francisville könntet nachher eine Gegenrechnung für geleistete Dienste aufsetzen, die sich gewaschen hat.« –
»Dann bleibt mir weiter Nichts übrig, als mein eigenes Kind zu stehlen!« rief Schwabe.
»Ganz meiner Meinung!« sagte der Brauer und leerte den letzten Rest des Blechmaaßes auf einen Zug – »ganz meiner Meinung,« wiederholte er, als er fertig war, und das Gefäß klappernd auf den Tisch zurückstellte – »und Nichts leichter als das! Ich bin heute Morgen mit dem Mailboot von Louisville gekommen, und habe unten an der Landung das Sternwheelboot[10] Raritan getroffen, das, wie mich der Capitän fest versicherte, morgen früh mit dem Schlage Acht, Cincinnati verläßt. Der Raritan geht allerdings nur bis zur Mündung des Arkansus, den Mississippi hinunter; das schadet aber Nichts, dort langen täglich wenigstens zwei oder drei stromabgehende Boote an, und Ihr Beide könnt in fünf bis sechs Tagen in Louisiana sein.«