[10]: Sternwheelboot ist ein Dampfboot, das, gewöhnlich mit zwei Maschinen, nur ein großes Rad hinten am sogenannten Stern hat, und von diesem also gänzlich vorwärts geschoben wird. Diese Art Boote scheinen aber nicht besonders praktisch, und es giebt deren nur sehr wenige auf den Amerikanischen Flüssen.
»Aber wie bekomme ich Louise aus Wagner's Händen, ohne daß dieser etwas davon merkt?«
»Louisen? Ei, Ihr geht einfach zusammen fort, denn Wagner läßt sich nie Morgens vor neun Uhr unten sehen – so lange schläft er, weil er die Nacht so spät aufbleibt, und das arme, junge Mädchen muß schon von sechs Uhr an Frühstück und Alles besorgen, dann auf dem Markt einkaufen, die Eier oder vielmehr die Bäkereien in Ordnung halten, und Gott weiß, was sonst noch für Sachen und Geschäfte verrichten. Du siehst also zu, daß Du heute Abend noch einmal Gelegenheit bekommst, mit Deiner Tochter zu sprechen, und das Uebrige überlasse mir – ich bin dort im Hause bekannt wie ein bunter Hund, und werde das Alles schon besorgen. Jetzt aber, damit Du keinen unnöthigen Verdacht erregst, oder einen vielleicht schon erregten wieder beschwichtigst, gehst Du zu Wagner's Haus zurück, und erklärst dorten, daß Du sie – Wagner's, bittest, Deinen Wunsch nochmals zu überlegen und zu prüfen, stelle ihnen dabei vor, wie sich die Mutter sonst grämen wird etc. – das hilft doch Alles nichts, aber es macht sie sicher – hiernach theile ihnen mit, daß Du gesonnen seist, drei Tage in Cincinnati zu bleiben und nach Ablauf dieser Frist wünschest, eine bestimmte Antwort von ihnen zu hören – das sagst Du ihnen übrigens nur, wenn Du allein mit ihnen bist, verstehst Du? Ihr braucht dazu gerade keine Zeugen. Apropos, haben sie Dich schon eingeladen, bei ihnen zu wohnen?«
»Nein – sie wissen ja gar nicht, wie lange ich hier bleiben wollte.«
»Gut, desto besser – thun sie es jetzt, so sagst Du, Du hättest es mir schon versprochen; morgen früh hast Du denn weiter nichts zu thun, als in dem Augenblick, wo ich das Zeichen von unten herauf bekomme, daß das Boot die Springkette losläßt, Dein Kind abzuholen, in Mainstreet soll dann ein Wagen für Euch stehn, und daß sie unten nicht eher abfahren bis Ihr an Bord seid, dafür will ich auch schon Sorge tragen.«
Alle weiteren Bedenklichkeiten des immer noch nicht recht fest Entschlossenen, machte übrigens der wackere Brauer zu Schanden, bewies ihm, daß er, wenn er nicht ein wahrer Rabenvater wäre, sein Kind mitnehmen müsse, und redete ihm so in's Herz hinein, daß sich Schwabe, dessen heißester Wunsch das Alles ja von Anfang an selbst gewesen, nur zu gern überreden ließ, in jeder Hinsicht dem Rath seines neugefundenen Freundes zu folgen, mit dem er auch jetzt die näheren Vorsichtsmaßregeln besprach und festsetzte.
Allerdings ging er nun von hier aus wieder nach Wagner's Haus zurück; so sehr er sich aber auch bemühte, seine Tochter, und sei es nur auf wenige Minuten, allein zu sprechen, so gelang ihm das doch keineswegs, denn eine direkte Unterredung mochte er nicht gern verlangen, weil er dadurch Verdacht zu erregen fürchtete; ja er hatte sogar schon, um seinen Vetter ganz sicher zu machen, diesem gesagt, daß er, da er sich doch jetzt einmal in Cincinnati befinde, einen guten Bekannten aufsuchen wolle, der mit ihm über See gekommen sei, und etwa zwei Stunden Wegs von der Stadt entfernt wohne, er würde daher auch wohl nicht vor morgen früh zehn Uhr zurückkehren können. Kaum vermochte er dabei mit dem fortwährend beschäftigten Kinde ein paar flüchtige Worte zu wechseln, doch hatten sie das vorausgesehn, und dafür schon Vorkehrungen getroffen. Der Brauer sollte nämlich, sobald ihm das nicht selbst gelang, den Abend bei Wagner's zubringen, und die Tochter bei der ersten sich ihm dort bietenden Gelegenheit auf die beabsichtigte morgende Flucht vorbereiten. Der Klugheit Louisens hofften sie dabei ebenfalls viel vertrauen zu können und glaubten jetzt die ganze Sache auf das vortrefflichste und zweckmäßigste eingeleitet und berathen zu haben.
So brav und ehrlich unser wackerer Brauer aber auch sein mochte, und so gut er's sicher in diesem Falle meinte, so war er doch – das ließ sich kaum läugnen – nichts weniger als ein Diplomat und kam fast nie zum Ziele, wo es einiger List und Scharfsinn galt, sondern meistens nur, wo er gerade ohne weitere Umstände hinein tappen durfte. So hatte er es denn auch in diesem Falle wohl eine volle Stunde lang umsonst versucht, Schwabes Tochter nur so viel merken zu lassen, daß er ein Paar Worte an sie allein zu richten wünsche. Vergebens blieb er mitten in der Schenkstube, allen Gästen im Wege stehen, um sie im Vorbeigehen anzureden, vergeblich verstopfte er über eine Viertelstunde durch seine breite, vierschrötige Gestalt die Hofthür, sie kam nicht einmal hinaus, und er wurde endlich durch die vereinten Bemühungen des Barkeepers und der schwarzen Köchin bei Seite geschoben, und bedeutet, daß dieser gerade der allerletzte Platz wäre, wo man ihn gern sähe. Er fing schon an, die Aufmerksamkeit der Gäste zu erregen, und beschloß nun einen andern, weniger gefährlichen aber gewiß sichern Plan zu verfolgen.
Zu diesem Zwecke ließ er sich in einer der am wenigsten beobachteten Ecken des Zimmers nieder, und drückte sich hier, seinen Blechkrug und das brennende Licht – denn es war indessen dunkel geworden – dicht vor sich geschoben, fast gewaltsam zwischen die scharfe Tischkante und die hier angebrachte, mit mächtigem Gehäus umschlossene Wanduhr. Dadurch gewann er den Vortheil, daß er, ohne den Kopf zu wenden, das ganze Zimmer übersehen konnte, und sobald er sich jetzt einen Augenblick selber unbeachtet sah, schlug er mit der Lichtschere gegen das Blech, was, wie er recht gut wußte, Louise im Nu an seine Seite brachte.
Das junge Mädchen sprang rasch auf ihn zu, und streckte die Hand nach dem Blechmaaß aus, um es wieder zu füllen; der Brauer hielt das aber mit der linken fest, während er mit der rechten ihren Arm ergriff, sie ein wenig zu sich hinüberzog und leise, aber schnell flüsterte: