»Erschrick nicht – er kommt morgen früh!«

Louise erschrak aber über das Plötzliche dieser Warnung und fast eben so über das sonderbare Gesicht, das der Brauer dabei machte, dermaßen, daß sie einen nur halbunterdrückten Schrei ausstieß.

Eigenthümlich war die Wirkung, die dieser Schrei auf den Brauer ausübte.

In demselben Momente fuhren die Gäste nach dem ziemlich hörbaren Ausruf herum und natürlich richteten sich dadurch ihre Blicke auf den in der Ecke Sitzenden, dieser aber riß mit einem plötzlichen Ruck beide Hände zurück, saß starr und steif da, zog die Backen ein, preßte dabei die Lippen fest aneinander, und schnitt ein so ungemein gleichgültiges und nichtsagendes Gesicht, daß Louise, die solch wunderbare Veränderung mit Blitzesschnelle vor sich gehen sah, in ein lautes Gelächter ausbrach, in das jetzt viele der Umstehenden mit einstimmten.

Der Brauer ließ sich nun allerdings nicht durch solche Kleinigkeiten außer Fassung bringen, damit war ihm aber auch für den Augenblick der ganze Anlauf verdorben, und er mußte wohl eine halbe Stunde vorübergehen lassen, ehe er einen neuen Versuch wagen durfte.

Als er zum zweiten Male an das Blech schlug, sah sich Louise allerdings wieder nach ihm um, blieb aber stehen, und des Brauers rasch und seltsam verzerrte Physiognomie, rief ihr eben so rasch die Grübchen in die Wangen zurück, denn sie konnte doch wahrlich nicht ahnen, daß dieses gräuliche Gesichterschneiden irgend einen bedeutsamen Zweck für sie haben sollte. Und dennoch war das so; der Brauer gab sich die nur erdenklichste Mühe, irgend einen mimischen Eindruck auf sie hervorzubringen, sobald er das nur irgendwie unbemerkt thun konnte, und die halb schlauen, halb ängstlichen Seitenblicke, die er dazwischen im Zimmer und besonders nach rechts und links hinüber warf, waren so unwiderstehlich komisch, daß die, zu deren Besten der sonst so ernste Mann all diese Muskelverzerrungen vortrug, endlich in allen Freuden und dem festen Glauben, »der Brauer habe heute einmal einen Schluck über den Durst gethan,« ihren Pflegevater darauf aufmerksam machte, und dadurch den ganzen, so schön und pfiffig ausgedachten Plan unseres Bierfabrikanten zerstörte. Wagner setzte sich bald darauf zu ihm, und der Brauer verließ eine Stunde später, höchst ärgerlich auf sich und die ganze Welt, die »City of München

Dadurch war es den Verbündeten freilich unmöglich geworden, die Tochter gehörig vorzubereiten, um am nächsten Morgen nicht zu viel Zeit zu verlieren. Nichtsdestoweniger trafen sie alle nöthigen Vorkehrungen, und kauften besonders mehre Kleidungsstücke ein, denn Louise sollte unter keiner Bedingung auch nur ein Stück der ihr von Wagner geschenkten Kleidungsstücke mitnehmen; selbst ein Bonnet und das Nöthigste, was sie für den Augenblick brauchte, konnten sie leicht in dem 150 Miles entfernten Louisville bekommen, wo sie genug Zeit behielten, Einkäufe zu machen, während das Dampfboot langsam durch die Schleusen des Canals gelassen wurde.

Der von Schwabe in ängstlicher Ungeduld so sehnlichst herbei gewünschte Morgen brach endlich an, und unten an der Landung waren die Feuerleute und Deckhands des Raritan schon emsig beschäftigt, die Kessel zu heizen und die Verdecke mit unzähligen heraufgeholten Eimern Flußwasser zu scheuern und abzuspühlen. Oben in der fünften Straße öffnete der Barkeeper des deutschen Kaffeehauses die Laden, fegte das Schenkzimmer aus und ging dann an seine gewöhnliche Morgenarbeit, das im Hinterhaus versteckt liegende Spielzimmer nach seinem nächtlichen Besuch zu reinigen und zu lüften und zum nächsten vielleicht schon sehr baldigen Besuch wieder herzurichten, mit welchem Geschäft er selten vor neun oder halb zehn Uhr fertig wurde.

Louise war indessen vorn in der Bar beschäftigt, staubte die Flaschen und Tische ab, spülte und wischte die Gläser aus, breitete neue Servietten auf die verschiedenen Kaffeebreter, füllte die kleinen Flacons mit Staunton Bittres und Pfeffermünzessenz, putzte die blind gewordenen Fensterscheiben und that überhaupt Alles, um die Schenkstube in ihrer gewöhnlichen Sauberkeit und Reinlichkeit zu halten und war so emsig dabei beschäftigt, daß sie gar nicht bemerkte, wie schon ein Mann mehre Minuten lang in der geöffneten Thüre stand und ihrem thätigen Schaffen und Treiben sinnend aber aufmerksam zuschaute.

Dem armen Mädchen gingen aber auch gar viele trübe und ernste Gedanken im Kopf herum – war nicht, wie ihr Mrs. Wagner gesagt, ihr Vater gekommen, und wollte er sie nicht ihrer jetzigen liebgewonnenen Heimath entreißen, um sie einer andern – wie ihre Pflegeeltern sagten – traurigen und freudlosen Existenz entgegen zu führen? war sie gezwungen ihm zu folgen, oder durfte sie bleiben, wenn sie ihm verweigert wurde? – Ja – durfte sie in dem Fall wirklich bleiben, oder zwang sie die kindliche Pflicht, dem zu folgen, der von der Natur das erste heiligste Recht auf sie erhalten hatte? Ach, wer half ihr aus diesen Zweifeln, welcher redliche Freund rieth ihr, was sie thun, was sie meiden sollte? –