»Louise!« sagte da eine leise – zärtliche Stimme – »mein Kind – meine Tochter.« –
Und Louise, als sie die bekannten Laute hörte, fuhr zusammen, daß ein Glas, an welchem sie gerade putzte, ihrer Hand entfiel und auf dem Boden klirrend zerbrach. Blitzesschnell fuhr sie herum, vor ihr aber stand, die Arme freundlich und liebend nach ihr ausgestreckt – ihr Vater. Das arme Kind wurde todtenbleich, zitterte an allen Gliedern und vermochte kein Wort über die Lippen zu bringen; Schwabe aber ergriff ihre Hand, zog die kaum Widerstrebende langsam an sich und flüsterte, indem er ihr liebkosend die Haare aus der Stirn strich:
»Mein Kind – mein liebes, gutes Kind, nicht wahr, jetzt läßt Du mich nicht wieder allein zu Deiner Mutter zurückkehren? der bräche das Herz darüber; nein, jetzt, jetzt verläßt Du mich nicht wieder, jetzt bleiben wir beisammen, und Du, nicht wahr, meine gute Louise, Du gehst mit mir zu Deiner Mutter nach Louisiana?«
»Aber wird mich Missis Wagner fortlassen?« murmelte in Angst und Unentschlossenheit das arme Mädchen – »wird sie –«
»Das sind böse Menschen, die Dich Deinen Eltern vorenthalten wollen,« drängte der Vater – »Du bist in dem Hause hier auch nicht gut aufgehoben, der Brauer hat mir Alles erzählt. Doch davon später. Jetzt drängt die Zeit, in wenigen Minuten geht das Dampfboot ab – die Ketten sind schon eingenommen, es hängt nur noch an einem einzigen Tau und wartet auf uns.«
»Jetzt?« rief Louise erschreckt, und suchte ihren Arm frei zu machen – »jetzt soll ich fort – heimlich fliehen?«
»In die Arme Deiner Eltern sollst Du, Louise – zu den Deinigen, die Dich auf den Händen tragen und für Dich sorgen werden, wie sie es sich schon so lange Jahre gewünscht.«
»Und ohne Abschied sollte ich fort von meinen Eltern, fort aus diesem Hause?« bat, immer ängstlicher werdend, die Arme – »Niemand ist hier im Laden – sie haben mich wie ihr Kind behandelt – sie haben mich lieb und ich – ich –«
Ein starkes Klopfen an den Fensterscheiben schreckte sie wieder empor und gleich darauf steckte ein kleiner Negerbursche den Wollkopf in die noch offene Thüre herein und rief mit seiner feinen, piepigen Stimme: »Raritan geht, Massa – haben schon steam 'nausgelassen, soviel – Wagen steht an der Ecke.«
»Siehst Du, mein Kind – es ist alles vorbereitet,« flüsterte der Vater und zog die Tochter der Thüre zu, »in wenigen Minuten können wir auf dem Dampfboote, in fünf Tagen kannst Du in den Armen und an dem Herzen Deiner Mutter sein – komm, komm, Louise!«