»Heiliger Gott! ich kann und darf ja doch nicht wie ein Dieb hier aus dem Hause entfliehen, das mir so lange Jahre Schutz und Nahrung gegeben, – ich möchte schon mit Ihnen gehen, Vater, aber – so – so nicht, so auf keinen Fall.«
»Louise – mein Kind!« bat noch einmal der Vater, und die Heftigkeit seiner Gefühle drohte ihm die Stimme zu ersticken – »Du wirst und darfst mich nicht allein zu Deiner Mutter zurückkehren lassen – Du mußt mit mir gehen – ich befehle es Dir als Dein Vater.«
»Um Gottes willen, Vater, Sie zerdrücken mir den Arm – ich darf wahrhaftig nicht fort.«
»Holla da, wer will Dich zwingen?« rief plötzlich eine rauhe, finstere Stimme, und Wagner, noch im Morgenkostüm, mit verschlafenen Augen und hoch aufsträubenden Haaren, trat in die Thüre, wo er – sobald er sah, daß Schwabe bei seinem Erscheinen den Arm der Tochter fast unwillkürlich losließ und sich rasch nach ihm umwandte, stehen blieb, und mit höhnischem Tone in seiner Rede fortfuhr. »So, Sir – also ordentlich Versteckens wird gespielt, um denen, die uns das eigene Kind lange und schwere Jahre hindurch gepflegt und erzogen, dieses, wenn man nachher anfängt seine Freude daran zu haben, förmlich zu rauben und zu stehlen? – da werde ich wohl am Besten thun, wenn ich gleich auf's Gericht gehe und die saubere Bescheerung anzeige – ich bin Bürger hier und will doch einmal sehen, ob mich das Gesetz nicht in meinem Eigenthum schützen wird.«
»Wagner,« murmelte Schwabe, und hielt noch immer den finsteren Blick auf sein Kind geheftet, das, keiner weiteren Bewegung fähig, jetzt, da sich sein Schicksal entschieden, an dem Schenktisch lehnte und weinte, als ob ihm das Herz brechen wollte – »Wagner, möge Gott Dir verzeihen, daß Du den Eltern das Kind verweigerst – die Summe, die Du verlangst, bin ich aber, das weißt Du recht gut, nicht im Stande zu bezahlen; Du weißt aber auch, daß Du die Summe nicht verdienst, daß mein Kind mehr für Dich gearbeitet, als das Wenige beträgt, was sie verzehrt und womit sie sich gekleidet. Gott nur sieht den Menschen in's Herz, ihm werden auch die Mittel bekannt sein, die Du angewandt, sein junges Blut gegen mich zu kehren. Daß ich mein Kind heimlich mit mir fortnehmen wollte, leugne ich nicht, und hättest Du es verhindert, so würde mich das arg geschmerzt haben, aber – es weigert sich selber mitzugehen – es will von seinen Eltern Nichts mehr wissen, und das ist hart, das hatte ich nicht erwartet, und das – thut auch recht weh, weher, als mir je ein Wort von Dir thun konnte, Wagner. So lebt denn hier Alle recht wohl – ich kehre nun wieder nach Cincinnati zurück, Dir aber, mein Kind, meine Louise« – und die herausquellenden Thränen machten seine Worte fast unverständlich – »Dir wünsch ich, daß Du nie fühlen, nie ahnen mögest, welchen Schmerz Du Deinen armen Eltern bereitet, die, Gott ist mein Zeuge, nur durch ihre Lage gezwungen waren, Dich so lange fremden Händen zu überlassen – lebe wohl, und möge Gott Dich segnen, ich kann nicht böse auf Dich sein. Aber halt, hier, das hat mir Deine Mutter für Dich gegeben, ich hatte einmal geglaubt, ich würde es nicht abzuliefern brauchen – gut so, es hat so sein sollen – Deine arme Mutter.«
Er ging auf die Tochter zu, legte ein kleines Paket neben sie auf den Schenktisch, drückte sie dann noch einmal rasch und heftig in die Arme, einen Kuß auf ihre Stirn und verließ, ehe Louise kaum wußte daß er sie losgelassen, das Schenkzimmer, vor dem eben wieder, jetzt aber mit breitem Erstaunen in den dunkeln Zügen, das Gesicht des Negerknaben aufgetaucht war.
Wie er nach Mainstreet und in den dort harrenden Wagen kam, wußte er nicht – in eine Ecke gedrückt, die Hände krampfhaft gegen das Gesicht gepreßt, fühlte er nur, wie die leichte Gig blitzesschnell mit ihm die steile Straße hinunterrasselte, und bald darauf vor dem wild schnaubenden und keuchenden Dampfboot hielt; dort aber kam er erst wieder zur Besinnung als der hier harrende Brauer den Kutschenschlag aufriß und ganz verblüfft stehen blieb, als er den Freund allein zurückkehren sah. Hier war aber nicht lange Zeit mehr zum Besinnen, der ungeduldige Ruf des Capitäns, der nun mit ganz außergewöhnlicher Gefälligkeit bis jetzt gewartet, trieb ihn an Bord –
»Sie wollte nicht mit!« rief der arme Vater nun trauernd dem Freunde zu, riß sich von diesem, der ihn noch zurückhalten wollte, los, sprang an Bord und keuchend und puffend drängte der Dampfer rückwärts in den Strom hinein, und warf die aufgerüttelten Wellen hinauf an das eben verlassene Ufer. In der Mitte des Stromes hielt die Maschine einen Augenblick und das Fahrzeug trieb eine kurze Strecke mit der Strömung hinunter, schwenkte dann nach der Seite hinüber, kehrte den Bug gen Westen und schoß blitzesschnell davon, während das eine mächtige Sternrad schäumende und zischende Wassermassen hinter sich hinaus schleuderte.
Und Louise? –
Das arme Mädchen war kaum im Stande, den Tag über ihre Geschäfte zu besorgen; das Hirn brannte ihr fieberhaft, und ihr war es, als ob sie fortwährend in einem Traume wandle, aus dem sie jeden Augenblick erwachen müsse. Ihr Vater? – das war ihr Vater gewesen, der sie hatte mitnehmen, zur Mutter mitnehmen wollen – ihr lebte eine Mutter, aber weit von hier, eine Mutter, die sie vielleicht lieb hatte, die ihrer harrte und sie? O wie dem armen Kind die Pulse flogen, wie seine Augen glühten und schmerzten. Sie konnte sich kaum noch aufrecht erhalten und Wagner, dem ihr verändertes Aussehen auffiel, schickte sie heute schon mit Dunkelwerden auf ihre Kammer.