Hier angelangt, wollte sie sich gleich aufs Bett werfen, da fiel ihr das kleine Paket in die Augen, das ihr der Vater heute beim Abschied gegeben. Sie zündete ihr Lämpchen an und bei dem matten Schein desselben öffnete sie den Faden, der es umschlossen hielt – Ha – ein kleines Bild blitzte ihr entgegen und ein dicht zusammengefaltetes Briefchen glitt heraus und vor ihre Füße nieder. Das Bild? – das, das mußte ihre Mutter sein – ihre Mutter die sie mit den treuen blauen Augen so freundlich anlächelte – und diese Augen – mußten die sich nicht mit Thränen, mit heißen, schmerzlichen Thränen füllen, wenn der Vater, ohne das Kind zurückkehrte, und der Mutter sagte – daß die Tochter – Nichts von ihr wissen wolle – daß sie sich geweigert habe, ihm zu folgen?

Sie stützte den Kopf in die Hand und betrachtete lange und sinnend die theueren Züge, zu denen sie als Kind liebend emporgeschaut und den Namen »Mutter« hinaufgelispelt hatte. Ihre Augen füllten sich mit Thränen – da fiel ihr Blick auf das zusammengefaltete Blatt, sie hob es auf und entfaltete es.

»Mein liebes Kind,« lauteten die Zeilen – »ich kann zwar nicht selber schreiben, denn erstens hab' ich's nie gelernt, und dann bin ich jetzt auch recht krank und schwach, aus Sehnsucht Dich zu sehn, unser Barkeeper hat mir aber den Gefallen gethan, und die paar Zeilen aufgesetzt. Hätte ich schreiben gekonnt, ach wie oft hätt' ich an Dich, Du liebes Kind, geschrieben. Doch nun schadet es Nichts mehr – nun kommst Du bald zu uns, und dann soll uns Nichts auf der weiten Welt mehr trennen. Ach Du glaubst gar nicht, wie ich mich nach Dir sehne; ich glaube ich stürbe, wenn ich Dich nicht bald in meine Arme schließen könnte. Ich habe Dich wohl recht lange ohne Nachricht von mir gelassen, aber nicht wahr – Du bist Deiner Mutter nicht böse darüber, ach ich will Dich ja jetzt so lieb dafür haben. Das dabei ist mein Bild – es ist recht ähnlich – ich habe ihm tausend Küsse für Dich gegeben – es mag sie Dir wieder geben, bis ich Dich selbst an's Herz drücken kann. Aber jetzt lebe recht wohl – recht wohl meine liebe Tochter und möge Dich Gott recht bald und recht gesund in meine Arme führen. Es grüßt und küßt Dich viel hundert tausendmal

Deine Mutter.«

Louise saß lange, lange auf ihrem Bett und starrte auf den Brief nieder; – wieder und wieder überflog sie die Zeilen, preßte sich die fieberheiße Stirn zwischen die kleinen kalten Hände und blieb dann auf's Neue in dem Inhalt dieser, mit bitterem Vorwurf an ihr Herz dringenden Worte verloren. Endlich brach sich der nicht länger dammbare Schmerz Bahn – sie ergriff das Bild, preßte es unter einem heißen Thränenstrom an die Lippen und sank dann, mit dem leise und schluchzend hervorgerufenen Wehelaut »zu spät – zu spät, – nun ist Alles vorbei und ich habe die Mutter für ewig verloren!« auf ihr Lager zurück.


Wir wollen einen Zeitraum von fünf Monaten überspringen, und wiederum bitte ich den Leser, mit mir den etwas steilen aber kurzen Berg hinaufzusteigen, der von der äußersten Grenze Bayou Sarahs aus, bis zu den ersten Häusern des kleinen Städtchens Francisville hinaufführt.

Dort, gleich linker Hand, wenn wir hinaufkommen, da, wo das breite starke Reck die hereinkommenden Pflanzer einladet, ihre Pferde zu befestigen und indessen einen kühlen Trunk zu thun, steht noch das freundliche, weiße Haus mit den Jalousien und der breiten Veranda, mit dem niederen Dach und der gastlichen Bank vor der Thür, aber das Schild – wo ist das Schild hin, das mit den großen goldenen Buchstaben den Namen unseres wackeren Landsmannes trug? Wo ist die lange schmale Tafel, die all die Leckerbissen und Delikatessen in güldenen Worten aufzählte? Ach lieber Leser, in dem Hause sieht's jetzt gar bunt und wild aus, die Schilder sind aus ihren eisernen Haken losgerissen, die Wände und Stuben leer und verlassen. Wo sonst das gemüthlich stille Stübchen war, da lag jetzt Stroh, einzelne Stückchen Packleinewand und kurze Bindfaden, während in der unteren Stube und in dem Schenklokale gescheuert und gewaschen wurde, als ob eben erst die eine Familie aus, eine andere eingezogen sei. Und das war auch so, denn traurige Veränderungen hatten in der selbstgegründeten Heimath unseres wackern Deutschen stattgefunden.

Als Schwabe damals ohne sein Kind zurückkehrte, und die arme Mutter nach und nach die ganze schreckliche Wahrheit erfuhr, ja erfahren mußte, da warf sie der Schmerz und Gram um das Verlorene auf das Krankenlager und ein schweres Nervenfieber bedrohte ihr Leben. Freilich siegte die sonst kräftige Natur der Frau endlich über den rüttelnden Tod, der frohe Muth war aber dahin, und bleich und abgezehrt wankte sie, einer Leiche ähnlicher als einem lebenden, fühlenden Wesen, im Haus herum. Auch Schwabe wurde immer trauriger, immer niedergeschlagener; er vernachläßigte seine Kunden und sein Geschäft, denn es machte ihm keine Freude mehr, und konnte dagegen stundenlang hinter dem Tisch sitzen, und in ein und dieselbe Ecke stieren.

Ein paar Monate hielt er das so aus; seiner Frau Krankheit beschäftigte ihn auch in der ersten Zeit viel zu sehr, um noch an sich zu denken, endlich aber sah er doch wohl ein, daß er so nicht länger fortbestehen könne.