»Ein kleines Buch fand, einige geheftete Bogen heißt das, mit – Gedichten. Ach Adolph, wenn Sie die Gedichte gelesen hätten« –

Ueberrascht sah ich zu ihr auf; die verdammten Gedichte hatte ich ganz vergessen, doch sie gefielen ihr, Emilie schwärmte dafür.

»Todt hätten Sie sich gelacht über das Zeug,« fuhr die junge Dame, die sich wieder ganz gesammelt hatte, fort, »manches unsinnige Gedicht habe ich schon gelesen, aber solch übernächtigen Mondenschein und Liebesjammer, solche Selbstmordphantasie und überschwengliche Winselei noch nie im Leben. – Ich – wurde etwas aufgehalten und las einige davon, sie waren zu komisch.«

»Aber mein Fräulein,« stotterte ich und verbarg mein Gesicht für einen Augenblick in mein Taschentuch, mir war es als ob das aus dem Herzen herausschießende Blut die Stirnadern zersprengen müßte, »ich weiß doch nicht – fremde Schriften –«

»Eines Kaufmannslehrlings,« unterbrach sie mich lachend, »das hat keine Gefahr, die geschnörkelte Handschrift verräth den Dichter,« – es hatte mich einen Thaler fünfundzwanzig Neugroschen gekostet, sie sauber abschreiben zu lassen. – »Sie müssen uns morgen besuchen,« fuhr sie fort, »da können Sie den Unsinn selber lesen; ich will den Reisesack später zu einer Bekannten schicken, wohin ich die Zeitungsannonce zu richten gedenke.«

Das war zu viel, meine Pulse flogen fieberhaft, meine Stirn brannte, das Wort lag mir auf der Zunge, mit dem ich sie zu Boden schmettern wollte; mit solcher Heftigkeit ergriff ich dabei ihren Arm, daß sie einen leisen Schrei ausstieß und erschreckt zu mir aufsah. Da wirbelten die Pauken, da dröhnten die Trompeten ihre Jubelfanfare drein, der innere Kreis lichtete sich und die Paare flogen zum Antritt an ihre Plätze, ich sprang auf und starrte wild umher.

»Kommen Sie, Adolph,« flüsterte da Emilie und drückte leise meine Hand, »der Tanz beginnt wieder, wir fehlen sonst in der Française.«

Fast willenlos zog sie mich dem Kreise der jubelnden Schaar zu, mich, den Verzweifelnden, mit der Hölle im Herzen; da zuckte es auf in mir, in langverhaltenem Grimme; ich riß mich los von der Entsetzlichen, that einen Sprung zurück und rief: Nein, – kein Wort kam über meine Lippen, auch der kleinste Laut erstarb mir auf der Zunge, aber ein eiskalter Schauer lief mir den Rücken hinab. Heiliger Gott, ich hatte die fremden, engen Beinkleider vergessen, eine Naht war bei meiner allzufreien Bewegung geplatzt, soviel fühlte ich, und fürchtete jetzt das Entsetzlichste. Aller Augen richteten sich dabei, wie es mir wenigstens vorkam, auf mich und mir war es, als wenn ich vor Schaam hätte in die Erde sinken sollen.

Wenn sie es merkten, wenn ich unter dem höhnischen Lachen dieser Elenden den Saal verlassen mußte; doch nein, noch konnten sie den ganzen Umfang meines Jammers nicht begriffen haben, noch war es vielleicht möglich, mich unbeachtet zu entfernen. Das einzige Mittel blieb ein urplötzliches Nasenbluten; ich riß das Taschentuch heraus, hielt es mir vor das Gesicht und überflog mit einem schnellen Blicke das Terrain. Aber der ganze Platz zwischen uns und der Thüre war von Menschen frei – nur einzelne Damen standen hier und da und unzählige Lichter verliehen ihm Tageshelle; wagte ich mich jetzt darüber hin, so setzte ich mich tollkühn selbst einer Entdeckung aus; ich mußte einen günstigem Zeitpunkt abwarten.

Ein zweiter Blick überzeugte mich, daß der Platz, auf dem ich vor wenigen Minuten mit Emilien gesessen, noch frei sei und auch ziemlich von einer neben ihm herunterhängenden Gardine verdeckt und dadurch unbeachtet liege. War ich im Stande mich dorthin unerrathen zurückzuziehen, so konnte ich nachher meine Zeit abpassen und bei günstiger Gelegenheit die Thüre gewinnen.