Wenn ich mir in meinem Leben etwas gewünscht habe, so war es in dem Augenblicke ein Gewicht von circa hunderttausend Pfund. Allerdings packte ich das sogenannte Tuch so schnell als möglich selbst und hielt es fest, meine erbarmungslose Quälerin aber legte sich mit ganzer Macht dagegen und da ich nur eine Hand gebrauchen konnte und überdies auf der weichgepolsterten Bank nichts weniger als fest saß, fühlte ich, wie sie mehr und mehr Raum gewann.
»Aber bester Herr Müller,« winselte da der unglückselige Secundaner und legte mit Hand an, »ich begreife wahrhaftig nicht, weshalb Sie das Tuch nicht,« er zog aus Leibeskräften, »nicht her – geben – wollen.«
Ich sah mein Verderben vor Augen; das Fürchterliche konnte nicht länger verborgen bleiben; nur es noch so lange als möglich zu verzögern, da – Heiland der Welt, da gab es nach, ich fühlte wie es unter mir vorrutschte, die Geschwister sprangen zurück und hielten – wachte ich denn oder träumte ich? – Emiliens wirkliches Taschentuch in der Hand, ein rascher verzweifelter Griff überzeugte mich sogar, daß meine eigene Furcht ganz ungegründet gewesen, ob es aber jene Beiden gemerkt, oder ob sie blos über das eroberte Tuch jubelten, ich weiß es nicht, unter dem mir teuflisch klingenden Hohngelächter schoß ich aus dem Saale, fuhr in toller Eile in zwei falsche Burnusse hinein, bekam endlich den rechten, nebst einem Hute, der mir bis über die Schläfe in's Gesicht sank, warf den in die Ecke, drückte mir das erste beste auf den Kopf was mir passend vorkam und stürmte die Treppe hinunter, aus dem Hause in die schneidend kalte, aber meine brennende Stirn wie Balsam kühlende Nachtluft hinaus.
Ich war frei und hoch hob sich mir die Brust, und eilenden Laufes floh ich, eine Hölle im Herzen, die dunkele zugige Straße hinunter der Schloßgasse zu.
Als ich diese endlich erreichte, konnte ich allerdings nicht gleich das rechte Haus erkennen; sie sahen sich alle ähnlich mit ihren grauen Erkern und düstern Fenstern, glücklicher Weise wußte ich aber die Nummer und fand endlich bei dem matten Scheine einer gegenüber düster flackernden Laterne die ersehnte 15.
»Morgen mit dem Frühzuge brech' ich wieder auf!« murmelte ich dabei, während ich den schweren Schlüssel aus der Tasche holte und in das Schlüsselloch zu stecken versuchte. »Ich bin geheilt – Meier hat recht – verrathen war ich, schändlich, niederträchtig, ver – na, nun schließt dieser vermaledeite Schlüssel auch nicht – weiter fehlte mir gar Nichts als jetzt auch noch eine Stunde hier auf der Straße zu stehen.« – Ich probirte, es ging nicht, ich blies den Schlüssel aus, weil ich glaubte es könnten sich Krumen hineingesetzt haben – es ging immer noch nicht.
»Meier!« rief ich, in der trostlosen Hoffnung, daß dieser schon vor mir den Ball verlassen haben könnte, bekam aber natürlich keine Antwort und versuchte den Schlüssel auf's Neue. Umsonst – vergebens drückte ich zehnmal an die Klinke, vergebens interessirten sich die Nachtwächter und ein Paar vorbeikommende Chaisenträger auf das Lebhafteste für mich; hinein in das Schlüsselloch brachte ich den Verräther, nachher aber blieb er nicht allein regungslos darin stecken, sondern wollte sogar nicht einmal wieder heraus. Ich weiß selbst nicht, wie lange ich frierend und fluchend an dem unglückseligen Schlosse probirte, endlich rieth mir ein Vorbeigehender – denn selbst der Nachtwächter hatte die Sache zuletzt als trost- und hoffnungslos aufgegeben – zu läuten, damit der Hausmann käme und öffne.
Läuten! – ja er hatte gut reden, war denn nicht der Draht gesprungen? doch folgte ich wirklich, eigentlich nur aus Verzweiflung und Grimm dem Rath und riß, als ob ich die Klingel hätte mit der Wurzel aus dem steinernen Gewände reißen wollen. Es that mir wohl irgend etwas Bewegliches zu haben, an dem ich meine Wuth auslassen konnte. Der Zug blieb aber keineswegs so erfolglos, als ich es erst geglaubt; drinn im Hause war plötzlich durch meine etwas gewaltige Kraftanstrengung eine Glocke in Bewegung gesetzt worden, die jetzt ganz urplötzlich nicht allein den merkwürdigsten und entsetzlichsten Spektakel auf eigene Hand vollführte, sondern allem Anscheine nach auch gar nicht beabsichtigte je wieder aufzuhören. Es dauerte denn auch nur kurze Zeit – und die Riesenglocke läutete dabei noch immer fort – bis ein Paar Pantoffeln in größtmöglichster Eile über den steinernen Vorsaal herangeschlappt kamen; der in den Pantoffeln Steckende hustete auf sehr bedenkliche Weise und durch das Schlüsselloch fiel plötzlich ein einzelner Hoffnung erweckender Lichtstrahl. Inwendig wurde ein Schlüssel eingedrückt und herumgedreht, zu meiner Verwunderung aber auch noch ein Riegel zurückgeschoben und die schwere Thüre knarrte in ihren Angeln.
»Herr du mein Gott!« rief dabei der Alte, der bis über die Ohren in einem weißen Schafpelze stak, »wer reißt denn da so fürchterlich an der Glocke?«
»Guten Abend, Alter,« unterbrach ich ihn aber, trat, während ich ihm ein Viergroschenstück in den Schlafrock drückte – denn die Aermel gingen ihm bis weit über die Hände – in's Haus und wollte ohne Weiteres die Treppe hinauf, da ich nach der früheren Hitze und durch das lange Stehen vor der Thüre bis in's innerste Mark hinein durchfroren war. Der Mann hielt mir aber erst seine Laterne unter's Gesicht und sagte, mit einem durch das indessen seitwärts besichtigte Viergroschenstück nur theilweise beruhigten Blicke: