Als sie daher von der Gründung des kleinen Städtchens Boonville hörte, das spätere Bleisucher kaum eine Viertelstunde von ihrem früheren Wohnorte ab angelegt, da beschloß sie, weil ihre Schwester indessen auch gestorben war und sie nun doch allein auf der Welt stand, mit deren hinterlassener Stieftochter, einem lieben, holden, damals zwölfjährigen Kinde, nach Boonville zu übersiedeln. Dort war sie wenigstens in der Nähe jener Stelle, auf der sie fast Alles verloren, was ihr auf Erden lieb und theuer gewesen, und dort, meinte sie, müsse auch, wenn je, ihre Hoffnung erfüllt werden. Sechs volle Jahre waren aber wieder verflossen, ohne daß sie auch nur eine Spur des Verlorenen gefunden, und wenngleich alle Bewohner des kleinen Ortes, mit dem Schicksale der armen Mutter bekannt, sich die größte Mühe gegeben hatten, ihre Nachforschungen zu unterstützen, so schien doch Alles Umsonst – der Verschwundene blieb verschwunden, und die arme alte Frau siechte endlich mit mehr und mehr abnehmenden Körperkräften dem Grabe zu, nach dem sie sich ja auch, besonders in den letzten Jahren, als dem einzigen Orte, die Ihren wieder zu finden, so heiß und brünstig gesehnt.


Es war ein freundlicher, sonniger Abend im August; von Nord-Osten her wehte ein kühler, labender Luftzug, und vor den Thüren der einzelnen Wohnungen, theils im Schatten fruchtbeladener Hickorys oder Chesnuts, nicht selten auch von Töpfen mit qualmendem Rauch umgeben, die etwas lästigen Mosquitos zu verscheuchen, saßen hier und da die Bewohner von Boonville – die Frauen mit irgend einer Nadelarbeit beschäftigt, von der sie nur manchmal aufstanden, nach dem innen am Kamin brodelnden Abendessen zu schauen, und die Männer im dolce far niente an Stücken Holz schnitzelnd, oder auch auf ein über freie Erde hingebreitetes Büffelfell müßig ausgestreckt.

Nur der Stuhl vor der Thür des Händlers war leer, denn Madame schaffte und arbeitete mit feuergeröthetem Angesichte vor dem geräumigen Kamine der Küche, während Zacharias Smith zwei fremde Indianer bediente, die vor kurzer Zeit mit ihren Fellbündeln und Wildpret in das Städtchen gekommen waren, um hier ihre nöthigsten Bedürfnisse, wie Pulver, Messer, Blechbecher und – Whiskey gegen das Erbeutete einzutauschen.

Es waren ein paar Krieger vom Stamme der Kickapoos, wenn der Name Krieger überhaupt noch einem Paar der miserabelst aussehenden Subjecte indianischer Race beigelegt werden konnte. Die schmutzigen wollenen und zerrissenen Decken, die sie um sich herumgeschlagen, verhüllten kaum nothdürftig ihre Blöße, und das Haar hing ihnen, nicht mehr bloß in der einzelnen stolzen Scalplocke prangend, nein, unbeschnitten, aber auch ungekämmt, wild und wirr, an manchen Stellen wie eine Pferdemähne, von Kletten zu festem Zopfe zusammen gehalten, um den braunen Nacken. Der Eine trug ein Hemd – aber ob das einst aus weißem Stoffe oder buntem Kattun bestanden, ließ sich wahrlich nicht mehr erkennen; das Blut des erlegten Wildes hatte eine Art Kruste darüber gelegt, die nur auf der Schulter durch das Tragen der ziemlich schweren, unbehülflichen Büchse unterbrochen schien – ihre Leggins waren mit Stücken roher Haut geflickt, und ihre Moccasins sahen aus, als ob sie jeden Augenblick auseinander fallen wollten. Ein Gürtel aus Hickory-Rinde gedreht, hielt ihre Leggins-Bünde, das kleine Scalpirmesser und eine kurze Schilfpfeife, und die ausdruckslosen trägen Züge der schmutzigen Gesichter heiterten sich erst wieder auf, als sie in des Händlers Laden die rothbestrichenen Whiskey-Fässer sahen.

Der Handel war sehr einfach und deshalb bald abgeschlossen – das, was sie an Pulver nothdürftig haben mußten, ließen sie sich geben und füllten es in ihre Hörner, den Rest aber verlangten sie natürlich in »Uiski«, und damit kauerten sie sich gleich an Ort und Stelle in eine Ecke des Ladens zwischen Salz- und Mehlfässer nieder und begannen, ohne weitere Vorbereitung, ihr Festmahl.

Sie hatten nur einen Becher mit, und der Eine schaute mit weit aufgerissenen, fast aus ihren Höhlen tretenden Augen zu, als der Andere das gelbe Feuerwasser aus der erhaltenen Flasche in diesen einsprudeln ließ – sein breiter Mund verzog sich zu einem noch breiteren Grinsen, und ein paar Reihen blendend weißer Zähne wurden sichtbar – die eine Hand streckte er dabei schon wie unwillkürlich nach dem Göttertrank aus, und ein leises, gurgelndes Lachen wurde laut, als sein Gefährte den Becher zuerst an die Lippen hob. Das Lächeln verlor sich aber, die Mundwinkel zogen sich wieder zusammen, wenn auch die Lippen getrennt blieben, und das Auge nahm einen mehr stieren, ängstlichen Ausdruck an, als der Freund, gar nicht mehr freundschaftlich, in nicht endendem Zuge mit dem Blechmaß zu verwachsen schien.

»Ugh!« sagte da endlich – nach langem, langem Genusse absetzend – der erste Trinker, und schaute, über das Gefäß hinüber, den Gefährten an – dessen Züge aber heiterten sich jetzt urplötzlich wieder auf – er streckte die Hand aus, ergriff den Becher, den er selbst nicht wieder losließ, als Jener ihn erst aufs Neue füllte, und schien nun seinerseits reichliche und volle Rache an dem nehmen zu wollen, der seine Erwartung vorher auf so peinliche Folter gespannt.

So tranken sie abwechselnd, Jeder bei dem Genusse des Anderen mit athemloser Angst das Abnehmen des verführerischen Giftes beobachtend, Jeder, wenn die Reihe an ihn kam, seine früheren Gefühle in dem einen, alles andere ausschließenden Bewußtsein seiner Seligkeit vergessend.

Und vor ihnen auf dem Ladentische, das rechte heraufgezogene Knie mit seinen beiden Händen gefaßt, den Körper, um das Gleichgewicht zu behaupten, etwas zurück gebeugt, und die vergnügt lächelnden Augen fest auf das zechende Paar geheftet, saß der Händler Zacharias Smith und hatte, allem Anscheine nach, seine herzliche Freude über dasselbe.