»Nein,« erwiederte ich ihm, »auf keinen Fall – Kutscher – schlesischer Bahnhof – sind wir in zehn Minuten und noch vor der Abfahrt dort, so bekommst Du einen Thaler Trinkgeld – also adieu Meier – sei nicht böse, daß ich Dir so viele Umstände gemacht, übermorgen spätestens hast Du einen Brief von mir.« Damit drückte ich ihm einen herzlichen Kuß auf den Mund, nahm ihm den eigenen Hut vom Kopfe und schlug ihn mir selber in die Stirn, sprang in den Wagen und im nächsten Augenblicke rasselten wir, ehe Meier durch das Schnelle des auf ihn Einstürmenden vielleicht nur eine Ahnung dessen hatte, was ich beabsichtigte, in lebensgefährlicher Schnelle über das holperige Pflaster dem fernen Bahnhofe zu.

Wir kamen eben noch zur rechten Zeit – die letzte Glocke läutete als wir vor die Thüre des Bureaus klapperten; rasch löste ich mein Billet und wenige Secunden später setzte sich der Zug mit schrillem markdurchschneidendem Pfeifen in Bewegung. Dann aber erst, als ich in die Ecke des warmen Coupées gedrückt, den Schauplatz dieser Nacht mit flüchtiger Schnelle verließ, als Feld und Flur und Berg und Wald an mir vorbeischwirrten und Meile nach Meile den Raum vergrößerte, da erst fand ich mich selbst und meine Ruhe wieder.

An Emilien schrieb ich noch an demselben Abend und von zu Hause aus ein Paar Zeilen, gestand ihr meine Unwürdigkeit sie zu besitzen und bat um ihre Freundschaft. Meier aber machte ich ebenfalls und versprochener Maßen ausführlich mit dem ganzen Umfange meiner damaligen Abenteuer bekannt und erhielt drei Tage später durch seine Vermittlung meinen Reisesack mit all' meinen früher an Emilien geschriebenen Briefen zurück. –

Nur eines fehlte – meine Gedichte; ich hatte das Weib gereizt und sollte ihre Rache fühlen. – Drei Wochen später standen sie unter meinem eigenen Namen in der Didascalia.

Civilisation und Wildniß.
Skizze aus dem amerikanischen Leben.

Im westlichen Theile des Squatterstaates Missouri, unfern vom Flusse gleiches Namens, dem roaring river oder rauschenden Strom, und etwa nur zwanzig englische Meilen von der östlichen Gränze des »indianischen Territoriums« entfernt, wo nördlich die Kickapoos und südlich von ihnen die Delawaren durch die Regierung der Vereinigten Staaten ihre Wohnsitze angewiesen bekommen hatten, lag ein kleines, unscheinbares Waldstädtchen, in früherer Zeit wohl nur der ergiebigen Bleiminen wegen gegründet, jetzt aber, da vielleicht bessere Adern und besser gelegene entdeckt worden, auch wieder von einem großen Theile der ersten Ansiedler verlassen.

Das Städtchen selbst bestand eigentlich nur aus einer einzigen Straße und darin sich gegenüber liegenden zwölf oder vierzehn Häusern, von denen das umfangreichste das Meeting- oder Bethaus, das wohnlichst eingerichtete das des Händlers oder Krämers, und das kleinste, einfachste das einer armen Witwe, Mrß. Rowland, war, die hier mit ihrer Pflegetochter Rosy still und zurückgezogen, aber auch von allen Nachbarn geliebt und geachtet, lebte.

Da sich übrigens meine kleine Erzählung gerade um diese Personen wendet, so ist es vielleicht dem Leser lieb, gleich von vorn herein und mit so kurzen Worten als möglich das zu erfahren, was zur Verständigung des Ganzen nöthig ist und was er nun einmal überhaupt wissen muß.

Mrß. Rowland war die älteste Ansiedlerin im ganzen Orte, und zwar hatte ihr Mann hier die ersten Bleiminen auf einem Jagdzuge entdeckt und mitten unter, damals feindlichen, Indianern als kühner Pionier und Vorzügler der Civilisation die Arbeit begonnen. Aber nicht warnen ließ er sich durch das Schicksal tausend Anderer, die vor ihm den rothen Sohn der Wälder in seiner Heimath aufgesucht und durch Uebermuth gereizt; auf seine Kraft und geschickte Führung der Büchse vertrauend, trotzte er jeder Gefahr, die ihm vom Feinde oder Gegner drohen konnte, und – fiel. Ein Häuptling der Delawaren war von ihm beleidigt worden – wenige Tage später hörte er Morgens dicht bei seiner Hütte, den Lockton einer Truthenne, er nahm seine Büchse, die vermeintlich leichte Beute zu erlegen, und – kehrte nie mehr zurück. Der Ton mußte eine Schlinge der listigen Wilden gewesen sein – wenige Minuten später überfielen die dunkeln entsetzlichen Gestalten das jetzt unbeschützte Haus, und als die unglückliche Frau aus ihrer Ohnmacht, in die sie der erste Schreck geworfen, erwachte, lag sie vor den qualmenden Ueberresten ihrer Hütte unter einem Baume, und ihr Sohn, ihr einziges liebes Kind war verschwunden.

Umsonst durchwühlte sie den ganzen langen Tag mit blutenden verbrannten Fingern die qualmenden Trümmer ihrer friedlichen Heimath, nicht einmal die Gebeine fand sie, um den Ueberresten des Kindes ein Grab zu gewähren. Halb wahnsinnig floh sie damals, allein und schutzlos, durch den Wald der meilenweit entfernten nächsten Hütte zu, und zog später, in ihrem hoffnungslosen Schmerze, nach St. Louis zu einer da wohnenden Schwester. Hier lebte sie vierzehn lange Jahre in stiller Zurückgezogenheit; wenn aber auch die Zeit den Schmerz gelindert hatte, so vergaß sie doch nie und nimmer die theuren Lieben, die ihr durch Mörderhand entrissen worden, und das besonders ließ ihr weder Ruhe noch Rast, daß sie nie Gewißheit von des Kindes Tod erhalten. Wenn sie der Ueberzeugung auch Raum geben mußte, ihr Gatte sei ein Opfer indianischer Rache gefallen, so konnte sie sich weder wachend noch träumend des Gedankens erwehren, wie der Knabe, vielleicht nur geraubt, vielleicht entflohen, verirrt gewesen und von anderen Farmern – Reisenden möglicher Weise – aufgenommen sei.