»Die liefert mir der Wald selber, meine Decke habe ich auch bei mir und mein Kopfkissen« – er deutete dabei lachend auf den Sattel –, »und was braucht's da mehr.«
Kurz, trotz aller Vorstellungen des Händlers ließ sich Tom Fairfield nicht mehr von dem einmal beschlossenen Zug abbringen, und alles, wozu er bewogen werden konnte, war wenigstens ein Stück Speck und Maisbrod und etwas gemahlenen Kaffee mit in seine Decke zu wickeln, und zwar den Speck, um etwas Fettes zu dem sonst trockenen Hirsch- und Truthahnfleisch zu haben. Eine halbe Stunde später nahm er von dem Händler herzlichen Abschied, bat ihn noch einmal, nicht eine Sylbe über die Sache, selbst nicht gegen seine Frau zu erwähnen (bei welchem Gedanken, daß er nämlich seiner Frau ein Geheimniß anvertrauen werde, Zacharias Smith in ein lautes Gelächter ausbrach), und war zehn Minuten später, auf dem kleinen Waldpfad rüstig dahin schreitend, gerade da in dem Holze verschwunden, wo ein niederes Dickicht von Sassafras und Dogwood ihn rasch den Blicken des Nachschauenden entzog.
Smith stand noch eine ganze Weile dicht neben seinem Hause, von wo er den freien Platz nach dem Walde zu übersehen konnte, und erst dann, als der junge Mann schon lange, lange in den Büschen verschwunden war, und die freundlich, hinter ihm über dem Wald aufsteigende Morgensonne seinen eigenen Schatten weit und geisterhaft über den Hof und im Zickzack über die Lattenfenz warf, kehrte er plötzlich rasch in den Laden zurück, öffnete die hintere Thür und rief in die Küche hinaus:
»Mrß. Smith!«
»Sir!« lautete die Antwort.
»Wenn Jemand nach mir fragen sollte, ich bin hinüber nach Cowley's gegangen.«
Und Zacharias Smith schritt, die Hände nachdenkend auf dem Rücken gekreuzt, langsam die Straße hinunter, dem bezeichneten Hause zu.
»Hm!« sagte gleich darauf Mrß. Smith, und ihre scharfe, von der Kamingluth jetzt etwas echauffirte Nase wurde zwischen zwei ärgerlich blitzenden grauen Augen sichtbar. »Hm – bin zu Cowley's gegangen – das ist immer so die Art, wenn Jemand nach mir fragt, ich bin zu Cowley's gegangen, und die Frau geht nie zu Cowley's, die kann zu Hause sitzen und die Wirthschaft besorgen und alle Augenblicke, wenn Jemand kommt, in den Laden springen. Na, das Leben hätt' ich satt. Und was jetzt nun wieder im Wind ist – mein Mann heute Morgen vor Tagesanbruch aufgestanden – das ist vor seinem Ende – und diese Geheimnißkrämerei mit der Mrß. Rowland. – Oh, ich hab' es wohl gehört, mein guter Mr. Smith« – und sie wandte sich in triumphirendem Hohn der Himmelsgegend zu, in der sie ihren Ehegatten jetzt vermuthete – »Mrß. Smith hat keine Baumwolle in den Ohren, wenn sie etwas hören will –, Mrß. Rowland sprach von ihm und sagte – und der junge Rowland unter den Indianern – und Mr. Tom hingeschickt, ihn zu holen – oho, Mr. Smith, so ganz auf den Kopf sind wir denn doch nicht gefallen, daß wir uns da nicht unser Theil heraus studiren könnten. Also haben sie den Jungen endlich gefunden – ein schöner Strick wird das geworden sein – und mein Mann steckt mit in der Geschichte drin - giebt sich so jetzt immer mit den ekelhaften Indianern ab – heiliger Gott, war das gestern Abend wieder ein Scandal und Flaschenzerschmeißen! Der fromme Vater Billygoat wird schön mit dem Kopf schütteln, wenn ich ihm das erzähle. – Und ich erfahre kein Wort von der ganzen Geschichte – o Gott bewahr! seiner ihm ehelich angetrauten Frau sagt der saubere Herr kein Sterbenswörtchen, aber zu Cowley's geht er hinüber. Mr. Cowley und Mrß. Cowley, die müssen ihren Senf dazu geben, zu jeder Neuigkeit, und ihre Finger in jeden Kuchen stecken. Aber warten Sie nur, Mr. Smith, warten Sie nur, my dear Sir. Der Sache komme ich auf den Grund, und wenn ich zu Mrß. Rowland selber hingehen sollte, mich zu erkundigen – tausend Mal hab' ich mir's gefallen lassen, jetzt aber hat meine Geduld ein Ende, und nun will ich doch sehen, ob ich mit meinem Kopf nicht durch eine eben so dicke Wand durchdringen kann, wie Mr. Smith mit dem seinigen.«
Und mit diesem löblichen Vorsatz tauchte sie urplötzlich wieder in ihre Küche unter, und ließ die blechernen Kaffeekannen und eisernen Pfannen und Töpfe, die rings an den Wänden herum hingen und standen, in unbegränztem Erstaunen über die so schöne und mit solcher Lebhaftigkeit gehaltene Rede allein zurück.
Wenn aber auch Mrß. Smith in der ersten Aufregung gekränkter Wißbegierde einen so verzweifelten Entschluß gefaßt haben konnte, der Mrß. Rowland geradezu ins Haus zu rücken und eine Mittheilung von dem zu verlangen, ja, zu fordern, was sie mit ihrem ehelich verbundenen Gatten an Geheimnissen zu verhandeln habe, so schien sie doch bei kälterem Blute auch gemäßigteren Empfindungen Raum zu geben und versuchte erst einmal ihr Ueberredungs-Talent an dem Gatten selber. Der aber blieb zwölf volle Tage taub und stumm sowohl gegen die Plänkeleien versteckter Anspielungen, wie gegen das schwere Geschütz directer Fragen, und da auch in dieser ganzen Zeit Tom Fairfield sich nicht wieder in Boonville sehen ließ, ja, hier und da schon Besorgnisse laut wurden, ob ihm nicht gar etwas zugestoßen sein könne, kein Mensch aber Aufschluß über seine unerklärliche lange Abwesenheit zu geben wußte, so konnte sie ihre Neugierde nicht länger zähmen und beschloß nun wirklich, Mrß. Rowland – sie war ihr das ja doch aus nachbarlichen Rücksichten schuldig – einmal freundlich zu besuchen. Sie fühlte sich dabei fest überzeugt, es würde ihr, einmal im Geleise, nichts weniger als schwer werden, einen kleinen Ueberblick über die näheren, jedenfalls höchst interessanten und jetzt so geheim gehaltenen Verhältnisse zu bekommen.