Der vierzehnte Tag nach dem Aufenthalt der beiden Indianer in Boonville war es, und der erste im Monat September zugleich, der sich aber mit schwülen Gewitterwolken angekündigt hatte und die trüben, schweren Nebelmassen bald in zerrissenen grauen und schwarzen Streifen, bald in compacten, wetterschwangeren Schichten über die ächzende, schwankende Waldung von Ost nach West stürmisch hinüberjagte.
Mrß. Rowland saß in ihrem Stübchen, warm eingehüllt in Betten und Tücher, auf einem rohgearbeiteten, aber bequemen Sorgenstuhl, denn der Wind strich heute trotz der sonst eigentlich sehr warmen Jahreszeit frisch und erkältend über die Lichtung hin, und die alte Frau hatte sich gerade in den letzten Tagen wieder unwohler gefühlt, als seit langer Zeit. Zu ihren Füßen saß Rosy, das liebe, holde Kind, leise den linken Arm auf der Mutter Knie gestützt, und in der Rechten das kleine, zierlich gebundene Testament haltend, aus dem sie der mit geschlossenen Augen und gefalteten Händen aufmerksam lauschenden Frau die herrlichen Worte der Bergpredigt, die süßen Trost und heilige Zuversicht athmende Rede Christi las.
Sie hatte eben ein Capitel beendet, und eine Thräne glänzte in ihrem Auge, als sie das Buch senkte und zu dem bleichen, abgezehrten, kummerschweren Angesicht ihrer mehr als Mutter emporschaute – leise berührte sie ihre Hand und flüsterte:
»Soll ich weiter lesen, Mutter?«
»Laß es jetzt, liebes Kind,« sagte die Matrone und legte schmeichelnd die abgezehrten Finger auf das gescheitelte Haar der Jungfrau – »laß es, Du hast Dich schon zu viel angestrengt und auch noch andere Sachen zu thun, die ebenfalls gethan sein müssen – wie wär's denn, wenn Du einmal zu Cowley's hinüber gingest und ihn bätest, uns seinen Neger auf ein halb Stündchen zu schicken, daß er etwas Feuerholz zum Hause schaffte – nur ganz wenig – Tom kommt gewiß heute wieder.«
»Es ist Feuerholz in Menge da,« sagte Rosy schnell: »ich ging, weil wir doch gestern Abend das letzte hereingeschafft, heute Morgen recht früh in den Wald und holte einen Arm voll, um die Suppe für Dich zu kochen, und als ich wieder kam, hatte Mr. Cowley schon seinen Tim mit einer ganzen Wagenladung voll herübergesandt und ging eben daran, es in Kaminlänge zu hauen. Er hat mir auch ein großes Rückstück hereingetragen; Du schliefst nur noch, Mütterchen.«
»Cowley's sind brave Leute,« flüsterte die Matrone, »Gott vergelte es ihnen! Es ist doch bös, wenn man so ganz allein in der Welt steht – keinen Sohn – keinen Freund ....«
»Mutter!« bat mit vorwurfsvollem Tone Rosy.
»Du hast Recht, mein Kind, ich bin vielleicht ungerecht gegen Tom Fairfield gewesen und – doch wenn auch er nun nicht wiederkehrt – wenn auch er nun – –. Sei nicht böse, mein Kind,« unterbrach sie sich selber nach ziemlich langer Pause, »Du weißt selber, wie trüb und traurig mir gerade an dem heutigen Tage zu Muthe sein muß, dem Jahrestage jenes fürchterlichen Morgens – ich sehe da Alles schwärzer, als es vielleicht wirklich ist, und begreife dann manchmal fast selber nicht, wie es möglich war, daß ich – ich – alte schwache Frau sie, die Kräftigen alle, alle überleben mußte. O, es ist recht hart, nicht sterben zu können, weil man nicht weiß, ob man nicht doch noch das Liebste – das eigene Kind – allein zurückläßt in der Welt – es ist recht hart, nicht leben zu können, weil das arme Herz die Sehnsucht nach den Lieben, wenn sie wirklich schon vorangegangen, verzehrt.«
»Mutter!« bat die Tochter, stand auf, barg ihr Antlitz auf der Schulter der Kranken und flüsterte mit leiser, von Thränen fast erstickter Stimme: »Wenn ich Dir auch den Sohn nicht ersetzen kann, lieb habe ich Dich ja doch wie meine eigene Mutter.«