Mrß. Rowland antwortete nichts, aber fest und liebend schlang sie die Arme um das blühende Kind und hielt es lange und fest an ihrem Herzen.
Da klopfte es ziemlich lebhaft an ihre Thür, und froh erschreckt und mit freudestrahlenden Augen sprang Rosy empor und eilte, zu öffnen; auch Mrß. Rowland richtete sich etwas in ihrem Stuhle auf und schaute mit lebhafterem Blicke dorthin, denn das Klopfen war ganz so, wie Tom Fairfield bei ihnen anzupochen pflegte – und wie lange schmerzliche Tage hatte Rosy auf das Pochen umsonst und mit immer wachsender Angst und Sorge geharrt!
Rasch und mit vor Freude zitternder Hand zog sie den Pflock zurück, der, einfach von innen vorgesteckt, die Thür verschloß, und öffnete rasch – ein schmerzlich erstauntes »Ach« entfuhr aber ihren Lippen, und auch Mrß. Rowland wandte sich enttäuscht ab und sank wieder mit leisem Seufzer in ihre Kissen zurück, als das zwar gutmüthige, aber doch scharfe und gerade heut gewiß nicht willkommene Angesicht der Mrß. Smith auf der Schwelle sichtbar wurde. An ein Abweisen war aber gar nicht mehr zu denken – die Lady sah die Bresche kaum offen, als sie auch mit löblichem Eifer herein stürmte, sich augenblicklich einen Stuhl neben Mrß. Rowland rückte und dann zwischen tausend Entschuldigungen, daß sie hier so ohne alle Anmeldung hereinbreche, daß aber das Wetter sie gerade überrascht habe, weil es eben an zu regnen fange, und daß sie nach Cowley's eigentlich hinüber gewollt, sich aber die Freude unmöglich habe versagen können, diese Gelegenheit, wo sie gerade in der Nähe sei – sie wohnte überhaupt kaum fünfhundert Schritte von Mrß. Rowland entfernt –, einmal zu benutzen und zu sehen, wie es der »lieben, lieben Kranken« denn eigentlich gehe.
Mrß. Rowland antwortete auf alles das mit leiser Stimme und bündigster Kürze; sie hoffte vielleicht dadurch, daß sie Mrß. Smith keinen Anlaß zu einer Unterhaltung gab, den Besuch etwas abzukürzen. War das aber wirklich ihre Ansicht gewesen, so kannte sie Mrß. Smith ungemein schlecht, oder traute ihr wenigstens viel mehr Ungeselligkeit zu, als sie wirklich besaß. Die gute Dame fragte nur einmal, und zwar gleich im Anfange, ob sie genire, und als sie darauf ein höfliches, wenn auch etwas zögerndes Nein zur Antwort erhalten, säumte sie auch keinen Augenblick länger, es sich so bequem als möglich zu machen, legte ihre Haube und den großen baumwollenen Regenschirm ab, zog die Halbhandschuhe aus, nahm die kurze Schilfpfeife aus der Tasche, die sie schon gestopft – oder geladen, wie Mr. Smith manchmal sagte – bei sich trug, holte sich im Kamin eine glühende Kohle, und befand sich, wie sie selber sagte, als sie sich ganz behaglich auf dem Stuhle zurecht rückte, so wohl und vergnügt hier, wie zu Hause.
Mrß. Rowland griff dieses ununterbrochene Auf-sie-einreden, selbst wenn sie nur wenig oder gar keine Antwort zu geben brauchte, auf die Länge der Zeit so an, daß sie endlich bleich und erschöpft in ihren Stuhl zurück sank und die Augen schloß. Selbst Mrß. Smith fühlte, daß sie der Kranken erst einige Ruhe wieder gönnen müsse, gedachte aber dafür indessen mit dem jungen Mädchen zu beginnen, um damit desto sicherer ihrem Ziele entgegen zu rücken; denn gerade fragen mochte sie doch auch nicht.
»Es wird nun bald lebendiger hier im Hause werden,« sagte sie, als Rosy der Mutter die Kissen zurecht gerückt und ihren Platz wieder neben ihr, oder eigentlich zwischen ihr und der Kranken, um den Zungenschwall in etwas abzuwehren, eingenommen hatte: »ja, wo so ein Mann ist, geht die Sache gleich anders.«
Rosy, das arme Kind, erröthete bis tief in das Halstuch hinein, sah aber auch zu gleicher Zeit erstaunt zu der Geschwätzigen auf.
»I nun, Miß,« fuhr Madame – dadurch, daß sich das junge Mädchen ihrer Meinung nach gar so gleichgültig stellte, etwas gereizt – fort, »Sie brauchen nicht so erschrecklich unschuldig zu thun, ich weiß die ganze Geschichte – bei mir ist's aber auch aufgehoben, als ob's im Grabe ruhte – von mir erfährt wahrhaftig Niemand eine Sterbens-Sylbe.«
»Aber, beste Mrß. Smith ...«
»Aber, beste Rosy Baywood – wenn Sie denn einmal selbst nicht gegen mich davon sprechen wollen, so habe ich nichts dagegen. Wie lange ist er denn aber nun schon eigentlich verloren?«